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Gustav Künstler:
DAS BILDNIS RUDOLFS DES STIFTERS, HERZOGS VON ÖSTERREICH, UND SEINE FUNKTION
Zwei Fürstenbildnisse teilen sich in den kunstgescbichtlichen Ruf, die frühesten Zeugnisse der am Ende des Mittelalters aufkommenden selbständigen Bildnismalerei zu sein: das Porträt des französischen Königs Jean le Bon im Louvre und das des österreichischen Herzogs Rudolf des Stifters im Wiener Dom- und Diözesanmuseum (Abb. 1). Die beiden Herrscher sind fast zur gleichen Zeit gestorben, in den Jahren 1364 und 1365, und es ist wahrscheinlich, daß auch die zwei Gemälde annähernd gleichzeitig geschaffen wurden. Das Bild des Königs — Profil nach links auf hellem Grund — und das des Herzogs — Dreiviertelwendung nach rechts und sehr knapper, heute dunkler Grund — sind jedoch auf eine Weise verschieden, die jeden Gedanken an eine künstlerische Verbindung zwischen den Darstellungen ausschaltet. Trotzdem ist in beiden etwas Entscheidendes gleich: die Präsentierung der Person einzig durch Kopf und Büste. Das war eine in der Malerei neuartige Gestaltung; es hatte sie bis dahin nur in der figuralen Plastik gegeben, so in den dem Heiligenkult dienenden Kopfreliquiaren. Von einer Anregung durch solche Stücke auf die gegenständliche Form in den beiden Malwerken kann nicht die Rede sein. Hingegen ist nicht auszuschließen, daß derartige Reliquienbehälter, die auch als Gebilde die Aufgabe zu erfüllen hatten, je einem bestimmten Heiligen dauerndes Gedenken zu sichern, das Entstehen wenigstens des einen dieser Fürstenbildnisse beeinflußten. Es läßt sich nämlich hinsichtUch des Herzogsbildes das Vorherrschen memorialen Charakters in zwei verschiedenen, miteinander kaum zusammenhängenden Sinnrichtungen feststellen.