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An der Tür Timurs
Zwei Wächter in Panzer und Helm stehen vor der reichgeschnitzten FlügeUür des Mausoleums Gur-i Emir in Samarkand, vor der „Tür Timurs", jenes Mannes, der die Welt des ausgehenden 14. Jahrhunderts in Schrecken versetzte {Abb. 1). Für die Europäer hieß er „Tamerlan" - „Timur, der Lahme" dessen Heere die Osmanen-armee, die Geißel Europas, an einem einzigen Tage des Jahres 1402 hinweggefegt hatte - und zugleich war er der Zerstörer der italienischen Hafenstädte am Schwarzen Meer. Den Chinesen klang sein Name „Tie-muh" ebenfalls wie eine Drohung, da Timur noch kurz vor seinem Ableben einen Angriff auf das „Reich der Mitte" plante und somit eine Wiederholung jener entsetzlichen Nomadenstürme ankündigte, die China so manches Mal niedergeworfen und zerrüttet hatten. Jenen Völkern, die ihn als Eroberer kennenlernten, war er der Inbegriff des Grauens, den Seinen aber, die er als Sieger bis zum Hellespont, nach Delhi, an die Wolga und nach Sibirien geführt hatte, gilt er bis in unsere Tage als ein verehrter Führer und Herrscher. Die Geschichtsschreibung zeichnet ein widersprüchliches Bild von seiner Persönlichkeit. Groß waren seine militärischen Fähigkeiten, führte er doch seine Reiter in nahezu allen Schlachten zum Sieg, und schrecklich sind selbst noch die Spuren seiner Grausamkeit, die den Schrecken der Mongolenzüge des vorhergehenden Jahrhunderts verblassen ließen. Hatten Dschingis-Chan und seine Nachfolger ein weltumspannendes Reich auf den Trümmern der alten Staatenwelt errichtet, so hatte Timur seine Kernlande zwischen Syrdarja und Amudarja mit einer Wüstenei umgeben, in der die Furcht jeden Feind von dem Versuch abhalten sollte, in das aufblühende Transoxanien vorzudringen.
Dieses widersprüchliche Bild Timurs bestimmte auch das Werk des russischen Historienmalers Wassili Wereschtschagin, der vor einem Jahrhundert den Anschluß Mittelasiens an Rußland in zahlreichen Bildern widerspiegelte. Er hatte sich mit dem Erbe Timurs auseinanderzusetzen und schuf daher u. a. zwei Gemälde, in denen die kunstvoll geschnitzte „Tür Timurs", das Symbol für den Zugang zur Macht über das Land, das Hauptmotiv bildet. Offenbar wollte er die beiden Säulen darstellen, auf denen die Macht des toten Herrschers ruhte. Einmal, auf dem in der Tretjakow-Galerie in Moskau hängenden Werk, schützen zwei Gardesoldaten das Grab, das Erbe Timurs, und das andere Mal, auf einem Bild des Russischen Museums in Leningrad, trauern zwei Derwische an der Tür Timurs.
„Derwische", die „Mönche des Islam", wie man diese so wenig orthodox-islamische Erscheinung genannt hat, spielten am Hofe Timurs und bis in unser Jahrhundert in Mittelasien eine wechselvolle Rolle. Im 9. bis 1 I.Jahrhundert brachten sie das Streben nach einer Überwindung starrer Formelgläubigkeit der Herrschenden zum Ausdruck, indem sie die mystischen Praktiken der nichtislamischen Religionen Nord-und Zentralasiens mit dem Islam vereinigten, dann aber stiegen sie selbst in die herrschende Kaste auf, und ihre führenden Familien bildeten mehrmals regelrechte Dynastien. Sie bestimmten das kulturelle Leben mit und trugen zu seiner Erstarrung bei. Selbst ein Timur mußte mit ihnen rechnen und war doch zugleich absoluter Herrscher, ein Mäzen der Kunst, dessen Wirken noch heute Städten wie Samarkand