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Die Stadt der Städte Das olympische MoskauKlaus BednUnter den Hauptstädten der Welt ist Moskau mit Sicherheit nicht die schönste. Selbst im Wettstreit mit anderen sowjetischen Städten gebührt Moskau diese Krone nicht. Leningrad ist architektonisch faszinierender, Kiew atmosphärisch reizvoller, Tiflis menschlich entgegenkommender. Und dennoch: Für die Russen ist Moskau die Stadt der Städte. Sie nennen sie das Heilige Moskau, das Goldene Moskau, und Rußlands Nationaldichter Alexander Puschkin schwärmte:Wie packt doch, Moskau, schon Dein Name das Russenherz mit Ungestüm! Was spricht nicht alles, klingt aus ihm!Ausländer tun sich mit Moskau weit schwerer. Ihr Urteil fällt nicht immer, aber häufig anders aus. Als eine Barbarei ohne Grenzen empfand Christian Julius Stelzer 1815 diese Stadt, und der baltische Rußlandreisende Johannes von Guenther nennt Moskau 1906 schlicht und ohne Umschweife ein unordentlich zusammengestoppeltes, großes Dorf. Doch findet sich in den Urteilen von Ausländern über Moskau auch Trösüiches: eine Wunderstadt nennt sie Ernst Moritz Arndt, Die schönste und originellste, die es gibt Otto von Bismarck, und die Französin Madame de Staël gar begeistert sich: La Rome du Tartare.Das heutige Moskau ist eine moderne Weltstadt mit mehr als acht Millionen Einwohnern, Hochhäusern und Trabantenstädten, breiten Ring- und Ausfallstraßen, einem Autoverkehr, der in den Stoßzeiten dem von Man-hattan nicht nachsteht, und einem U-Bahn-Netz, das nicht nur als das schönste, sondern auch als das größte und leistungsfähigste der Welt gilt.Seit dem 13. Jahrhundert hat sich Moskau vom Kreml aus gleichsam in konzentrischen Kreisen ausgedehnt, nicht planmäßig, sondern eher einer Wucherung gleich. Heute wird es architektonisch beherrscht von phantasie-und schmucklosen Wohnblöcken und den Zuckerbäckerbauten der Stalinzeit wie etwa dem Hotel Ukraina und der Universität auf den Leninbergen.Als Prachtstücke gelten die Glas- und Betonpaläste des neuen Kalinin-Prospektes, dem ein ganzer historischer Stadtteil, das berühmte Adels- und Kaufmannsviertel Arbat im Stadtzentrum zum Opfer fiel. Doch wurde nicht das ganze alte Moskau Opfer der Spitzhacke und der Sprengmeister. Noch gibt es allein in Moskaus Innenstadt mehr als 600 historische Bauten, weltliche wie kirchliche, die unter Denkmalschutz stehen und denen die Sowjetmacht durchaus liebevolle Pflege angedeihen läßt.Für Olympia wurde ganz Moskau, das alte wie das neue, buchstäblich auf Hochglanz gebracht. Die Kuppeln der Kirchen, gleichgültig, ob sie als Gotteshaus, Museum oder Möbellager dienen, erhielten neues Blattgold, obwohl es in der ganzen Sowjetunion nur elf Goldschmiede gibt, die damit umgehen können. Die Fassaden der Wohnblocks wurden gewaschen, geputzt und neu angestrichen; die Straßen wurden ausgebessert, und wo nichts mehr auszubessern war, trat wieder die Spitzhacke in Aktion: Mehr als 100 häßliche, aber massive Steinbauten, die den Blick auf die schönen neuen Olympiastätten hätten verschandeln können, wurden abgerissen oder gesprengt. Die kleinen Holzhäuschen auf dem Weg vom Flughafen Scheremetjewo wurden zum Kummer ihrer Bewohner einfach niedergebrannt. Ein Fest der Reinheit und des Glanzes sollte Olympia sein, in jeder Hinsicht. Millionen Blumen wurden gepflanzt, die Rasenflächen vor dem Kreml gefegt, die Straßen täglich zweimal mit Sprühwagen gewaschen. Alles, was den Glanz des Stadtbildes hätte stören können.wurde aus dem Verkehr gezogen - alte Autos ebenso wie neue, aber ungewaschene.Aus dem Verkehr gezogen wurden auch die Dissidenten und andere in den Augen der Behörden kriminelle Elemente - Trunkenbolde, Faulenzer, Taschendiebe, Prostituierte. Hunderttausende Studenten - sofern sie nicht für Olympia gebraucht wurden -mußten ihre Wohnheime räumen. Rund 150 000 Kinder - etwas mehr als sonst üblich - wurden in Pionieriager auf das Land geschickt. Und damit die tolpatschigen Provinzler mit ihren Einkaufstaschen, Säcken und Koffern den Gästen nicht die Butter vom Brot kaufen und durch ihren Anblick das ästhetische Gefühl der Ausländer nicht beleidigen, wurde Moskau generell zur geschlossenen Stadt erklärt. Autos, die keine Moskauer Nummer hatten, wurden an der Stadtgrenze zurückgewiesen, Eisenbahn- und Hugkarten nach Moskau nur an diejenigen verkauft, die mit ihrem Personalausweis bezeugen konnten, daß sie in Moskau wohnen. An allen Transitstrecken, auf denen Autotouristen nach Moskau anreisten, erhielten die Bauern den behördlichen Befehl, ihre Zäune in Ordnung zu bringen. Holz und Farben, beides sonst ein Defizit, also Waren, die nicht im normalen Handel zu erhaltensind, wurden dafiir reichlich verteilt.Das olympische Moskau war das sauberste und farbenprächtigste Moskau, das es je gab. Nach dem Motto Von allem das beste hatte man perfekte Sportstätten erstellt. Dabei verfuhr man nicht nur nach dem Prinzip Was braucht Olympia?, sondern vor allem nach dem Motto Was braucht Moskau? Die Sportstätten wurden da gebaut, wo sie für die nacholympische Zeit eine optimale Ausnutzung durch die Moskauer versprechen. Sie wurden als integrierter Bestandteil der kommunalen Gesamtplanung Moskaus errichtet. Der Nachteil, daß es dadurch ein Olympia der langen Wege wurde, weil die Sportstätten praktisch auf alle Stadtteile verteilt waren, wurde wettgemacht durch ein gut funktionierendes Transportsystem.