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Vorwort
Nándor Kalicz wurde am 6. März 1928 in dem kleinen nordungarischen Dorf Tarnabod geboren, dessen Umgebung als äußerst reich an archäologischen Fundstellen gilt. Diese intensive geschichtliche Ausstrahlung der Heimaterde fand schon früh eine starke Resonanz im jungen Mann, und zur gleichen Zeit versorgten ihn die natürlichen menschlichen Beziehungen des dörflichen Lebens und seine moralische Wertordnung mit Proviant für ein ganzes Leben. Die Härte des puritanischen Hinterlandes, vereint mit einer nicht zu befriedigenden Neugier, wurde zu einem ständigen Leitmotiv, zu einem kontinuierlichen inneren Antrieb in seiner der Wissenschaft verpflichteten Laufbahn.
Nach seinem 1955 an der Eötvös-Loränd-Universität zu Budapest erworbenen Diplom im Fach Archäologie machte er seine Grabungs- und Museologieerfahrungen in Nyíregyháza und Miskolc. Danach schaltete er sich als Aspirant-Stipendiat von Professor János Banner zwischen 1958 und 1961 an der Budapester Universität ins alltägliche Leben der Lehre ein. Obwohl ab 1961 das Archäologische Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften zu seiner offiziellen Arbeitsstelle wurde, bewahrte er diese sich damals entfaltende emotionelle Bindung zur Ausbildung von Archäologen für immer. Von Anfang an galt er als bestimmende Persönlichkeit und bis heute ist er aktives Mitglied des Archäologischen Instituts, obwohl er die verdiente Muße seines Ruhestandes gemessen könnte.
Von Anfang an bestimmte das Interesse für die Bronzezeit seine wissenschaftliche Tätigkeit, aber seine späteren Forschungen lenkten seine Aufmerksamkeit auch auf Problemkreise des Neolithikums und der Kupferzeit. In seinem allerersten selbständigen Buch (1963) verfertigte er auf Grund der Gräber aus Ózd-Center bzw. der anthropomorphen Gefässe der Badener-Kultur eine Zusammenfassung der kulturellen und chronologischen Beziehungen zwischen der Badener-Kultur und Troja und gelangte so sehr früh zu den Spitzen der Forscher der europäischen Vorgeschichte. In seiner nächsten grösseren selbständigen Arbeit (1968), die bis heute in vieler Hinsicht als grundlegendes Quellenwerk gilt, systematisierte er das frühbronzezeitliche Fundmaterial Nordostungarns. Die 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts werden durch eine eindeutige Wendung zum Neolithikum gekennzeichnet. Ganz überzeugend zeigt diese Tatsache sein nächstes, in mehrere Fremdsprachen übersetztes Buch (1970), in dem er die Jungsteinzeit synthetisiert. Als Ergebnis eines zusammen mit J. Makkay durchgeführten Forschungsprogrammes publizierte er gemeinsam mit ihm die bis heute einzige monographische Bearbeitung der Kultur der Linearbandkeramik der ungarischen Tiefebene (1977). Betrachtet man die Gesamtheit der wissenschaftlichen Tätigkeit von Nándor Kalicz, so vertreten die spätneolithische Lengyel-Kultur und die Fundstelle bei Aszód eine Forschung von mehreren Jahrzehnten in seinem Leben (1985; 1998). Mit gewisser Übertreibung kann man wohl sagen, daß diese letztgenannte Aufgabe die "wahre Liebe" seiner großformatigen und weit verzweigten wissenschaftlichen Aktivität darstellt. Als ebenso wichtig können sein systematischer Überblick über das transdanubische Fundmaterial der frühneolithischen Starcevo-Kultur und dessen organische Einfügung in die südosteuropäische Kulturentwicklung beurteilt werden (1990). Diese oben geschilderten wissenschaftlich-biographischen Angaben stellen jedoch nur herausgegriffene einzelne Stationen in einem Lebenswerk dar, das durch mehr als 200 Publikationen gekennzeichnet ist. Es ist weiterhin beinahe unmöglich, die unzähligen internationalen Fachkonferenzen und Vorträge aufzulisten, bei denen er die neusten Ergebnisse der vorgeschichtlichen Forschung in Ungarn vermittelte bzw. bekannt machte. Seine großen Grabungsprojekte - wie u. a. Aszód, Berettyóújfalu-Herpály oder Mezökövesd-Mocsolyás - waren zur gleichen Zeit sowohl Stätten interdisziplinärer Forschungen als auch Schauplätze der praktischen Ausbildung von Archäologiestudenten, die in ihrer Gesamtheit als richtige "geistige Werkstätten" galten.
Beim Blick auf die wissenschaftlichen Verdienste von Nándor Kalicz muß man auch jene persönliche Fürsorge betonen, mit der er seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Laufbahn aufeinanderfolgender Generationen von Prähistorikern betreut. In Ungarn weiß heute jeder Prähistoriker,