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EINLEITUNG
„Eine Kraft ist kein Bündel von KomponeHten, sondern eine strömende, nie ganz durdidringlidie und rätselvolle Gesamtheit, die sidt in Komponenten nur äußert und damit audt nur TeilausstraMungen ihres Wesens enthüllt." (E. Kurth „Musikpsydiologie" 1931. p. 34)
Für die Motivsymbolik Johann Sebastian Bachs hat Albert Schweitzer das Vorhandensein von „zwanzig bis fünfundzwanzig Elementarthemen" festgestellt, in denen „fast alle charakteristischen Ausdrücke wurzeln, die durch ihre regelmäßige Wiederkehr in den Kantaten und Passionen auffallen" i. Dieses „Verschwistertsein" wichtiger Themen und Motive läßt sich auch bei Heinrich Schütz nachweisen, dessen einfachere Tonsprache aus noch weniger Wurzeln erwächst. Solcher „Urmotive" sind sechs zu finden:
1. Orgelpunkt (Grundlage, Ruhe, Verharren, Gebundenheit, Festigung);
2. Wellen -und Schwebemotive (pulsierendes Hin- und Her- oder Auf- und Niedergleiten, Schweben, Rollen; Ausdruck der friedlichen Gelöstheit, des Segnens, der Erlösung, aber auch des Zweifeins, des Hangens und Bangens, des Weinens);
3. aufsteigende Motive (Erwachen, Sonnenaufgang, Aufwärtsstreben; Ausdruck der Kräftigung, der Weihe, des wachsenden Machtgefühls, aber auch des Dahin- und Auf-wärtssdireitens, der Auferstehung);
4. absinkende Motive (Einschlafen, Sonnenuntergang, Entspannung, Verdunkelung; Ausdruck des Schwächerwerdens, des Hinabsteigens, aber auch des bestätigenden Hinabschreitens oder Feststellens);
5. nach Aufstieg absinkende Motive: Aufstieg—Höhe—Absinken (Verhängnis, Schicksalsdrohung; Ausdruck der Unerfüllbarkeit, des Höherwollens und Wiederzu-rücksinkens, des menschlichen Strebens);
6. nach Herabschweben aufsteigende Motive: Absinken—Tiefe—Aufstieg (Verkündigung, Verheißung des Heils; Ausdruck der Erlöstheit, der göttlichen Gnade, des Heilsweges Christi).
Alle diese Behelfsworte sind nur „letzte Anklammerungen ans Begriffliche" (vgl. Kurth „Bruckner", Berlin 1925, 2. Abschnitt) und deuten zunächst nicht mehr an als den Übergang der absoluten, unbegrifflichen Liniendynamik in die Grenzbereiche von Textvertonung und Programmatik.
Bevor die postulierte Urmotivik in den Werken von Schütz nachgewiesen und in ihrer textgebundenen Bedeutung erkannt werden kann, erscheint eine genauere Interpretation der verwendeten Begriffe Motiv, Symbol, Tonsymbolik geboten.
Linter Motiv (lat. movere = bewegen) wird hier „der kleinste geschlossene Bewegungszug" 2 verstanden, und zwar zunächst im Sinne eines Grundimpulses der melodischen Bewegung, deren wechselnde Richtungstendenz zu verschiedenen Bewegungstypen führt (wie sie oben bereits besdirieben); dann aber auch in bezug auf kleinste, in sich geschlossene rhythmische und akkordisch-harmonisihe Bewegungsfolgen; endlich im übertragenen Sinn zur knappen, analogen Abgrenzung formaler und klanglicher Erscheinungen