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1. Kapitel
Schwestern. Ihre Schwestern. Immer ihre Schwestern. Ihre erste Erinnerung an sie: eine Schwester, die sie an der Hand hält und die Straße hinunterzieht. »Komm schon, Kleine.« Und diese Erinnerung (wie überhaupt alle Erinnerungen an ihre Schwestern) hat sie über all die Jahre hin ziemlich mitgenommen. Sie sind zu dritt und jeweils drei Jahre auseinander: Liz, Tobi und sie selbst, Karen. Sie sind einundzwanzig, achtzehn und fünfzehn.
Die Einundzwanzigjährige arbeitet. Die Achtzehnjährige geht adifs College. Die Fünfzehnjährige auf die höhere Schule. Es kommt immer noch vor, daß sie sich alle drei auf dem Bett von Liz breitmachen, Popcorn und Äpfel essen und die halbe Nacht reden. Tobi, die mittlere Schwester, diskutiert immer über alles mögliche. Liz sitzt im Schneidersitz, ruhig, ein goldener Buddha. Karen schaut von einer zur anderen und ist begeistert, daß sie alle drei zusammen sind.
Ihre Mutter steckt den Kopf zur Tür herein.
»Worüber redet ihr Mädchen denn so lange?« Sie lächelt sie an, als wollte sie fragen: »Kann ich mich zu euch setzen?« Sie gähnen und reden gelangweilt über das Wetter. Sie geht, und Tobi sagt: »Pst, seid still.« Als sie ganz sicher sind, daß sie allein sind, reden sie weiter. »Mam hat überhaupt keine Freundinnen«, sagt Liz.
Eine Lieblingsbeschäftigung der Schwestern ist es, ihre Eltern zu analysieren: ihre Beziehung, ihre Charaktereigenschaften, ihre Fehler. Ihre Mutter ist Bibliothekarin, ihr Vater Zahnarzt; die Schwestern sind sich darüber einig, daß das sichere Berufe sind, nichts Riskantes, nichts, was wirklich aufregend oder kreativ ist. Sie sind sich darüber einig, daß ihre Eltern seltsam sind: Einerseits geht jeder seine eigenen Wege, andererseits stehen sie sich sehr nahe. Zu nahe?