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Nationalitätenfrage und ArbeiterbewegungDer bis zum Ende des 19. Jahrhunderts geschichtlich nicht voll ausgetragene Gegensatz zwischen dem aufstrebenden industriellen Bürgertum und den traditionalen Führungsschichten des Adels und des bürgerlichen Beamtenstands stellte die Arbeiterbewegung in Mittel- und Ostmitteleuropa vor spezifische politische Bedingungen. Anders als in England und Frankreich hatte sich in Mittel- und Ostmitteleuropa ein den westlichen Verhältnissen vergleichbarer bürgerlicher Radikalismus nicht entwickelt. Es gab ihn in Ansätzen - in der demokratischen Linken der deutschen Revolution von 18U8, in der polnischen Nationalbewegung in Posen, in den Anfängen der tschechischen nationalen Politik; aufs ganze gesehen, blieb der bürgerliche Radikalismus Episode. Die sich in den 60er Jahren als selbständige politische Kraft formierende Arbeiterbewegung war damit in mehr als einem Sinne der Erbe des bürgerlichen Radikalismus. Sie setzte nicht nur in weitem Umfang dessen demokratisch-republikanisches Programm fort, sondern sah sich zugleich vor die Aufgabe gestellt, jenes Minimum an konstitutionellen Freiheiten und rechtsstaatlicher Verfassung zu erkämpfen, das im Westen die Voraussetzung für die Entfaltung der Arbeiterbewegung war. Sie kämpfte gegen die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, wie sie in der Mitte des Jahrhunderts sich herausbildete; sie kämpfte zugleich gegen die Überbleibsel der altständischen Ordnung, die sich sowohl institutionell wie ökonomisch erhalten hatten.Das Ausbleiben oder das Scheitern der bürgerlichen Revolution konfrontierte die Arbeiterbewegung zugleich mit dem Problem der Durchsetzung des Nationalstaats oder doch der Emanzipation der Nationen im mittel- und ostmitteleuropäischen Raum. Sie hatte in dieser Frage keine eigene Konzeption; anfänglich blieb sie von der bürgerlichen Nationalbewegung unbeeinflußt und konzentrierte sich ausschließlich auf die Durchsetzung sozialer Forderungen.- 5 -