Bővebb ismertető
Einleitung Die Laufbahn der meisten Künstler unserer Zeit ist durch eine Reihe unausgeführter „Projekte" gekenn-
zeichnet. Unsere Epoche hat weder den Mut noch die wirtschaftlichen Mittel gehabt, um die grossartigen von Herbert Read Visionen ihrer Architelten, Bildhauer und Maler zu verwirklichen. In dieser Hinsicht bildet Gabos Laufbahn keine Ausnahme — Projekt für einen Sender, 1919-1920, Monument für ein physikalisches Laboratorium, 1922, Entwurf eines Monumentes für ein physikalisch-mathematisches Institut, 1925, Entwurf für ein Lichtfest, 1929, Entwurf für den Palast der Sowjets, 1931, Monument für einen Flughafen, 1932 — so geht es fort bis zum Jahre 1957, in dem der von Dr. van der Wal angeregte Entwurf eines Monumentes in Rotterdam verwirklicht worden ist, der in den architektonischen Plan des neuen Bijenkorf-Gebäudes einbezogen wurde. Dieses Werk bildet den Höhepunkt in der Laufbahn eines grossen Künstlers. Naum Gabo ist der führende Exponent einer Bewegung in der modernen Kunst, die als Konstruktivismus bekannt ist, und für die Beurteilung seiner Leistung ist es wichtig zu wissen, was dieser Terminus bedeutet. Gabo wurde 1890 in Russland geboren und genoss eine wissenschaftliche Ausbildung. Zur Vervollkommnung dieser Ausbildung ging er 1910 nach München. Dieser Schritt war insofern entscheidend als in München drei grosse Männer lebten, deren grundlegender Einfluss auf die Ausbildung der modernen Bewegung in der Kunst niemals angemessen gewürdigt worden ist — Heinrich Wölfflin, Wilhelm Worringer und Wassily Kandinsky. Gabo hat zu diesen Anregern der Bewegung keinen direkten Kontakt gehabt, doch wurden in dieser bayrischen Stadt neue Interpretationen der Kunstgeschichte und eine neue Auffassung ihrer Bestimmung erarbeitet. In dieser Atmosphäre entschloss sich Gabo, Künstler zu werden, ein Künstler jedoch, der die wissenschaftlichen Begriffe eines neuen Zeitalters nicht verleugnete. Doch kam im Jahre 1914 der Krieg und damit das Ende dieser Zuchtstätte des Geisfes. Gabo wanderte durch das vom Kriege getroffene Europa, kehrte jedoch bei Ausbruch der russischen Revolution nach Moskau zurück und schloss sich einer Gruppe von Künstlern an, die dazu bestimmt war, Russland eine neue, den Idealen einer neuen Gesellschaft entsprechende Kunst zu geben. Drei Jahre lang arbeitete und experimentierte diese Gruppe leidenschaftlich und um 1920 formulierte sie ihr berühmtes Manifest: „Wir verzichten auf das Volumen als Ausdruck des Raumes Wir lehnen die feste Masse als bildnerisches Element ab Wir erklären, dass die Elemente der Kunst ihre Grundlage in einem dynamischen Rhythmus haben."
Das war zu viel für die emporgekommenen Thermidorianer der Revolution, denen die ungeheure Aufgabe zugefallen war, die Macht zu behaupten und die Doktrin zu verteidigen. Von dieser Aufgabe mussten auch die Künstler einen Teil übernehmen und dieser Teil konnte nach den Begriffen des ,,sozialistischen Realismus" nur volkstümlich, illustrativ und sentimental sein —¦ eine Verleugnung aller Prinzipien des konstruktivistischen Manifests. Der Bruch kam im Jahre 1922. Gabo erhielt die Erlaubnis, das Land zu verlassen und ging nach Berlin. Hier blieb er zehn Jahre und schloss neue Freundschaften. Durch die sich anbahnende Tragödie wurde er dann zunächst nach Paris, später nach England getrieben, wo er bis 1946 blieb, und schliesslich in die Vereinigten Staaten, wo er heute lebt und arbeitet. Er kehrte niemals nach Russland zurück.
Ich habe nicht die Absicht, in dieser kurzen Einleitung die Karriere Gabos im einzelnen nachzuzeichnen. Ich möchte mich vielmehr auf einen Versuch mehr beschränken, die Prinzipien zu erhellen, die seiner schöpferischen Leistung zugrundeliegen.
Konstruktivismus war ein unvermeidliches Wort für die von Gabo und seinen Kollegen zwischen 1917 und 1920 gegründete Bewegung. Wie die meisten Begriffe der Kunstgeschichte wurde es von den Kritikern erfunden und nicht von den Künstlern selbst (in Wirklichkeit hatten diese ihr erstes Manifest „realistisch" genannt. In dem Interview, das in diesem Bande (Seite 159) wiedergegeben ist, berichtet Gabo, wie das Manifest zunächst unter dem Schutze dieses mehrdeutigen Begriffs in Umlauf kam). Doch gab es mehr als eine taktische Rechtfertigung für einen solchen Namen. Wir haben eine vorwiegend mechanische Zivilisation entwickelt und die Wesenszüge dieser Zivilisation in der Kunst zu übergehen, wäre ein törichter Konservatismus. Alle Stilepochen der Kunstgeschichte haben sich der für ihre Zeit charakteristischen Techniken bedient — und so wie wir von einer Kunst der Steinzeit oder der Bronzezeit reden, so wie in der klassischen Kunst, in der Gotik oder der Renaissance jeweils die gebräuchlichen Materialien und Methoden angewandt wurden, so sollten wir ganz natürlich aus den anregenden neuen Materialien Nutzen ziehen und aus der phantastischen Ausweitung der konstruktiven Macht, die durch die Maschine möglich geworden ist. Das scheint einfach und logisch genug und bereits um 1909 hatten die italienischen Futuristen alle Künstler aufgerufen: „nehmt und verherrlicht das Leben von heute, das unaufhörlich und stürmisch verwandelt wird durch die Triumphe der Wissenschaft."