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NEAPEL, DIE STADT DER SONNE
Neapel stellt sich für den Besucher, der zum erstenmal hinkommt, als eine Stadt dar, die überrascht und verwirrt. Es ist unmöglich, in einem raschen Rundgang den Charakter und die besonderen Aspekte zu erfassen, so kom-pliziert und ungeordnet ist die stádtische Struktur.so widerspruchsvoll sind die Aspekte der öffentlichen Gebáude und des Stadtbildes, so verschieden sind jene der die Stadt um-gebenden natürlichen Landschaft, so überra-schend ist das Volk und seine Lebensweise. Aber eben in diesem Zusammenwirken der Dinge, die so komplex, widerspruchsvoll, ungeordnet und doch voll Leben sind, besteht der Charakter dieser Stadt und ihre besondere Le-bensart.
Die Landschaft: stellen wir uns vor, wie dieser Erdwinkel in der entferntesten Vergangenheit ausgesehen habén mul3, als sich hier die er-sten Bewohner niederliel3en. Es war eine tiefe Einbuchtung, benetzt vom Wasser eines Mee-res, das nur selten vom Sturme aufgewühlt wurde, weil es von den langen Armen der Halbinsel von Sorrent und von Capo Miseno geschützt ist; lángs der Küste lieB eine Hügel-kette zwischen der Vegetation die Struktur des Tuffbodens erkennen, der sich in Höhlen und Grotten öffnete: eine natürliche Gestaltung, bald lieblich, bald rauh, in der die Grüntöne in dauerndem Kontrast zu dem leuchtenden gel-ben Tuff in warmem Goldton, der schlieBlich, da er in der Folge als Baumaterial verwendet wurde, die typische Farbe der Stadt bestimmt hat. Und im Hintergrund dieses so lieblichen und lachenden Bühnenbildes ragt der Vesuv beherrschend auf. Eine solche Landschaft hat
im Zusammenwirken mit dem friedlichen Klima nicht nur die Stadt beeinfluGt und ihre Ent-wicklung gefördert, sondern vor allém auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Die natürlichen Grotten an den Abhángen der Hügel konnten bequemen Schutz bieten; das immer ruhige und fischreiche Meer und die beson-ders fruchtbare Erde lieferten ausreichende Verpflegung; das in jeder Jahreszeit milde Klima erlaubte es, im Freien zu leben und zu ar-beiten, ohne Probleme des Schutzes gegen eine widrige Natúr lösen zu müssen. Das Leben muBte alsó schon den ersten Bewohnern des Golfes leicht erscheinen. Es war möglich, mit benachbarten Völkerschaften Handelsbe-ziehungen anzuknüpfen, Begegnungen zu un-terhalten und Beziehungen jeder Art im Geiste eines gegenseitigen Vertrauens und mit dem Ziele eines friedlichen Ausgleiches zu pfle-gen. Gerade diese friedlichen Beziehungen führten zum Abbau jeglicher Barriere materiel-ler und moralischer Natúr zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk. So bil-det sich denn, geformt durch die natürliche Landschaft, noch vor der Stadt der Charakter dieser Menschen, ein Charakter, dem wir noch heute in den StraBen von Neapel begegnen, noch lebhafter in jenen des altén Stadtzen-trums, wo alle in Gemeinschaft leben und ar-beiten und ein jeder am Leben der anderen Anteil nimmt. An der Schwelle ihres Gescháf-tes gelingt es dem Tischler, dem Obsthandler, der Inhaberin einer Bratküche und dem Buch-handler ihrer Arbeit nachzugehen, ohne das Leben aus dem Auge zu verlieren, das sich auRerhalb der Tür abspielt. Auf der StraBe habén sie ihre Ware ausgestellt, indem sie in einfallsreicher Manier jedes architektonische Element ausnützen, das sich zu einer besse-
Neapel, Castel Nuovo. Triumphbogen