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VORWORT
Das Fehlen einer Geschichte der Fotografie, der unabhängig von den Interpretationsmodellen der letzten Jahrzehnte ein neues Konzept zugrunde liegen sollte, gab den Anstoß für die Realisation dieses Buches. Die editorische Lücke wurde um so schmerzhafter bewußt, als der 150. Geburtstag der Fotografie 1989 vor der Tür stand. Das Projekt sollte einerseits die grundlegenden Publikationen der Vergangenheit berücksichtigen, andererseits aber auch die neuesten Untersuchungen integrieren, die in der jüngsten Zeit das Medium Fotografie und seine Rolle in Geschichte und Gesellschaft neu definiert hatten.
Das vorliegende Werk ist daher weder eine Aufzählung der großen Fotografen der Vergangenheit, noch eine Aufzeichnung der Highlights der Fotografie oder gar eine Festschreibung bereits etablierter Wertmaßstäbe. Vielmehr ist es ein Buch aus Bildern und Texten, das zwei verschiedene Lektüren erlaubt: Auf der Bildebene können visuelle Zusammenhänge und Brüche gleichermaßen nachvollzogen werden, wobei stets die Relevanz der verschiedenen Standpunkte berücksichtigt wird. Auf der Ebene des Textes werden historische Informationen vermittelt, Analysen und Perspektiven vor Augen geführt, die den Leser mit seiner eigenen vorgefaßten Meinung konfrontieren und ihn für neue Lesarten gewinnen sollen.
Die Abbildungen sind daher nicht ausgewählt worden, um das Werk eines bestimmten Fotografen zu repräsentieren oder seinen Stil zu verdeutlichen (von dem immer angenommen wird, daß er im Medium Fotografie genauso aussagekräftig sei wie in der Malerei). Hier ist nicht der Ort, um Statistiken zu erstellen oder bestimmte Mängel zu attestieren: Diese hängen entweder mit einer Verweigerung der Fotografen oder gar mit ihren finanziellen Bedürfnissen zusammen Im Rahmen dieses Buches haben wir vielmehr versucht, alle Entwicklungen aufzuzeigen, die rein künstlerischen Äußerungen ebenso wie die spontanen Vorlieben des Volkes.
Die Fotografie ist im Prinzip nicht mehr als das zerbrechliche Produkt einer mehr oder weniger auf ein Objekt ausgerichteten schwarzen Kiste, die nur bedingt verläßlich und stabil ist. Und auch der Fotograf, der die Apparatur bedient, ist nicht in jedem Fall geschickt und sicher im Umgang mit dem Gerät.
Es geht also in diesem Buch nicht darum zu zeigen, wie man richtig fotografiert. Vielmehr interessiert die Fragestellung, warum man überhaupt fotografiert - sei es gut oder schlecht. Die
Fotografie als spezifisches Bildmittel steht im Vordergrund, ihre Fremdheit, obwohl sie scheinbar ein so vertrautes Medium ist. Als Träger der Erinnerung steht sie im Verdacht, einen entscheidenden Teil unseres Seins zu beherrschen. Sie erzeugt Spannungen, enthüllt geistige Vorstellungswelten und bringt Zustimmung und Ablehnung zum Vorschein. In bezug auf diese Mehrdeutigkeit der Fotografie, auf ihre zentrifugale Dynamik und weniger auf ihre klassifizierenden Kategorien sind die Abbildungen der einzelnen Kapitel ausgewählt worden. Sie funktionieren nicht als »Illustrationen«, die den Text verdeutlichen, sondern es sind »fotomechanische Reproduktionen von Fotografien«, die dem Original mehr oder weniger nahe kommen. Selbst wenn sie dem Vorbild zum Verwechseln ähnlich sehen, so können sie es allein in der Vorstellung ersetzen.
Was die allgemeine Gliederung und Struktur des Buches angeht, so lassen sich drei Ebenen unterscheiden: Zum einen sind dies die Kapitel, die entweder ganz allgemein eine bestimmte Epoche der Fotografie behandeln, oder aber einen sozialen Teilbereich, einen spezifischen Bildkontext, stets mit einem genuin fotografischen Blick auf die jeweilige Epoche. Des weiteren gibt es Dossiers, die in regelmäßigen Abständen eingestreut sind und dazu einladen, ein eng umrissenes Thema mit Hilfe einer spezifischen Bildauswahl unter die Lupe zu nehmen. Die in die Kapitel integrierten Textkästen vertiefen einzelne historische, technische oder ästhetische Aspekte des jeweiligen Themas. Die Kapitel selbst bieten einen chronologischen oder philosophischen Sinnabschnitt, in dem unterschiedliche historische und ästhetische Fragestellungen behandelt werden, um zu neuen Sichtweisen und einem umfassenderen Verständnis in bezug auf das Medium zu gelangen. Die Dossiers bedeuten einen Einschnitt, einen optischen Zwischenschritt, durch den es möglich wird, zusammenhängende Bildsammlungen vorzustellen. Die Textkästen ihrerseits dienen der wissenschaftlichen Aufarbeitung einzelner Tliemenbereiche, sie präzisieren historische Zeitpunkte, verdeutlichen die Rolle eines besonderen Fotografen oder erklären eine technische Neuerung.
Durch diese klare Struktur und Verknüpfung sollte zwei Dingen gleichermaßen Rechnung getragen werden: der verführerischen Kraft jeder einzelnen Fotografie ebenso wie dem kontinuierlichen Zusammenhang, den das Medium Fotografie in sich trägt.