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JAHRGANG 1898. ERSTE ABTEILUNG. ERSTES HEFT.ANTIKE HUMANITÄT.Von Tu. Zielinski.Sobald ein Volk zum Bewufstsein seiner selbst gelangt, wagt es den Versuch, das rätselhafte Gebot, das wir alle in unserm Busen tragen, in die Form eines klaren und bestimmten Sittengesetzes zu giefsen. Was auf diese Weise entsteht, ist so mangelhaft der Versuch auch ausfallen mag als ein System reiner Ethik aufzufassen. Da es von den Besten ausgearbeitet wird, sind seine Forderungen verhältnismäfsig hoch gespannt; da es der Mehrzahl und den Nachgeborenen aufgedrängt wird, lauten sie starr und unbeugsam: du sollst, du sollst nicht. Ergeben sich diese nun drein und das kann geschehen, so fällt die reine Ethik mit der praktischen zusammen; das Sittengesetz tritt direkt ins Leben, sei es durch die Vollkommenheit der Gerechten, sei es durch das Sünden-bewuTstsein der Fehlenden. Es braucht aber nicht zu geschehen. Es ist recht wohl der Fall möglich, dafs in einem Volke starke und selbstbewufste Individualitäten in ausreichender Zahl vorhanden sind, die das Bedürftiis empfinden, das allgemeine Sittengesetz zu ürer Persönlichkeit in Beziehung zu setzen, und erst die Resultante dieser beiden Kräfte als verbindlich anerkennen. So entsteht im Gegensatz zur reinen die praktische Ethik; da sie der Natur des Ausübenden mit entsprungen ist, ist ihre Redeweise ihm gegenüber ein ruhig belehrendes: du niufst, du mufst nicJd.Sie ist die psychologisch interessantere, und ein moderner Sokrates, der ihr nachtrachten wollte, könnte für seine Mühe reichen Lohn erwarten die Laterne des Diogenes müfste er freilich mit auf den Weg nehmen. Immerhin würden, bei der Mannigfaltigkeit der mafsgehenden Individualitäten, die verschiedenen Systeme einen chaotischen Eindruck machen, wenn diese Individualitäten wirklich regellos durcheinandersprössen und nicht vielmehr selber in ihrer Entstehung und Entwickelung einem geheimnisvollen Gesetz es ist das, was man wohl den 'Zeitgeist' nennt unterworfen wären. Das sind sie aber, und so wird die praktische Ethik auch zum interessantesten Gegenstand der Kulturgeschichte. Denn eben diesem, von den Individualitäten unhewufst aufgenommenen Zeitgeist ist es zu verdanken, dafs die gleichzeitigen Systeme . das Wort im allgemeinsten Sinne gefafst bei all ihrer Verschiedenheit doch im wesentlichen auf einen Grundton gestimmt erscheinen.Dreimal nun im Lauf der Weltgeschichte war der Begriff 'Mensch' dieser Grundton, auf den die praktische Ethik des Zeitalters gestimmt war, im Altertum, in der Renaissance und im XVIII. Jahrhundert; alle drei Mal war es die reine Menschlichkeit, die von der geistigen Elite zum obersten PrinzipNeue Jahrbücher. 1898. I.1m-