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JiK KoUr, Prague. Februar 1977 Huldigung an JIRÎ KOLÄR Kolir? Das ist der, der alles zerschneidet. - Nein, er wagt es, jedes Ding zu bekleben, meint ein anderer. In seinen Gebrauchsanweisungen (entstanden um 1960) empfahl Jii'i Ko-lif: »Besorge Dir Schreibmaschinenpapier/ nimm ein Blatt nach dem anderen/ und bedecke damit Tisch/ Smhl/ Heizung/ Boden/ alles/ worauf ein Stück Papier liegen kann/ bis das ganze Zimmer weiß ist/. . .« Es ist die Vision der Chiasmage, einer der suggestivsten Techniken von Koläf; in dieser Weise beklebte er 1968 einen gigantischen Apfel, der neulich in der Nürnberger Kunsthalle, zusammen mit anderen Großobjekcen und mit KoUfs ureigenem Collage-Wochenbuch von 1968, zu sehen war. Diese Ausstellung .Hommage ä Koläf« zum 70. Geburtstag des Künstlers, soll nun nach Oxford, Salzburg, Heilbronn weite rwandem,
Die Hälfte des riesigen Apfels, wahrscheinlich die größte Collage der Welt, wird durch die Abrisse der lutherschen Bibel bedeckt, die andere Hälfte ist in eine Chiasmage aus allen denkbaren Schriften der Welc verwandelt. Dies selbst wäre Thema eines Symposiums für Linguisten, Kulturhistoriker und andere Gelehrte, für welche manches Werk Koläfs mit seinen rätselhaften Kreuzungen und versteckten Botschaften eine Delikatesse ist. Eine Eütekunst hatte der Künstler ursprünglich nicht im Sinne. »Die Entstehung der Schrift, die Zw !sehen formen haben mich immer angezogen. Ich versuchte sogar, die Schrift zu ihrer Urform zurückzubringen«, sagte Koläf. Dabei dachte er an seine Knoten- und Gilletenschrift, an seine aus Dingen z 1 Gedichte. So begatm die e dente Poesie Jifi Koläfs, welche durch Bilder, Dinge, oder deren Bruchteile das ausdrückt, was durch Worte unerreichbar bleibt, Nicht für Gelehrte sondern für Analphabeten wolle er dichten, »Um 1962 habe ich in einer Statistik gefunden, daß die Mehrheit der Menschen weder Lesen noch Schreiben kann. Ich versuchte mich um ein Gedicht, als ob es von einem Analphabeten geschrieben wäre. Und nichts konnte mich aufhalten, mich weiter ohne Schrift auszudrük-ken«, sagte Koläf. Es waren Konsequenzen eines grundsätzlichen Bruches - mit der verbalen Kulmr. Nach lOjähriger Peripetien und Leiden verabschiedete sich Koläf 1960 von dem Bereich des -charakterlosen Wortes«, er verließ den schmalen Pfad der geschriebenen Dichtkunst, um breitere Gebiete der außerverbalen Poesie zu anektieren. Damals, vor etwa 25 Jahren, betrat Koläf den Weg, der ihn zum Weltruhm führte. Was versteht Jin Koläf unter Poesie? Es ist eine überall anwesende Energie, deren innere Dimension wir in Ergriffenheit spüren. Die Welt strotzt vor Poesie, auch die banalsten Dinge des Alltages, sogar die Abfälle sind mit den Schwingungen ihrer Kraft durchdrungen. Diese grenzenlosen Bereiche muß man jetzt dichterisch untersuchen. Alles wurde ihm zum Material. Koläf verwandelte unersättlich abgelegte Sachen aber vor allem Reproduktionen, Werbemittel, alles Gedruckte. H. M, Enzensberger nennt ihn »einen unermüdlichen, unerschöpflichen Omnivor, dem kein Schnitzel, kein Rest, keine Anspielung entging«. »In jedem Menschen ist etwas Zerknülltes, was nicht mehr geradezubiegen Ist. Entweder zericnittert ihn ein Unglücl( oder die Zeit oder er zerknüllt sich seibst - und das kann man nicht mehr geradebiegen, es haftet das ganze Leben über an. Selbst wenn er es glättet, so bleiben doch die Falten wie bei einem zerknitterten Stück Pa-
pier. Ebenso ist es mit dem Leben und seinen Spuren.« JifiKolaf Inzwischen entwickelte oder entdeckte Koläf selbst unzählige Techniken der nonverbalen Poesie, wo gut dreißig Abarten der Collage eine zentrale Rolle spielen. Das Publikum durch seinen Perfekt!onsmus verblüfft, bleibt oft an der arxi-fiziellen Oberfläche und hält das Ganze für geistreiche Spielerei.« Wenn ich arbeite, amüsiere ich mich« wiederholt Koläf und das Gelächter seiner Zuschauer nimmt er als Positivum auf; es ist die spontane Reaktion der Überraschten. Koläf zerschneidet und setzt populäre Reproduktionen um, er bearbeitet das définitif Gestaltete, erfindet neue Schutzformeln für die Lebensprozesse. Ist das Formalismus, wenn er gleichzeitig geläufige Inhalte und semiotische Bezüge umwertet? Schon in seinen Techniken erkennen wir unter vir-tuosen Kombinationen wichtige moralische oder psychologische Probleme. Koläf, seine künstlerischen Vorgänge kommentierend, vergißt nie die Parallelen mit dem Leben - dem wichtigsten aller Maßstäbe - zu ziehen. Zu seinen Crumbla-gen (Zerknitterungen) meine er: »In jedem Menschen ist etwas Zerknülltes, was nicht mehr geradezubiegen ist. Entweder zerkninen ihn ein Unglück oder die Zeit oder er zerknüllt sich selbst - und das kann man nicht mehr geradebiegen, es haftet das ganze Leben über an. Selbst wenn er es glättet, so bleiben doch die Falten wie bei einem zerknitterten Stück Papier. Ebenso ist es mit dem Leben und seinen Spuren. Damit verbinde ich alles, was ich tue.« Fast alle von den 100 und einen Techniken, die Koläf wie ein Besessener pflege, sind thematisiert. Sie enthalten eine Ma-krodimension, sind zu einer vielschichtigen Lebensweisheit geworden. Das aber ist das Ergebnis, die Synthese, während am Anfang eine Analyse stand, eine Destruktion. Ausreißen, geißeln, zerschneiden, zerstückeln, geschunden werden. Dadurch ist unser erster Eindruck bis zum Erschrek-ken stigmatisiert: unser Sicherheitsgefühl zinert. Ist das die Rache eines verärgerten, jahrelang gepeinigten tschechischen Intelektuellen? Es gibt Theoretiker, die das Zerstörungsmoment für eminent halten und es sogar als symbolische Verwüstung der europäischen Rationalität interpretieren.