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TANZKUNST UND GESELLSCHAFTManche Ballettomanen meinen, daß die von ihnen so geliebte schöne Kunst sich nur zur Darstellung märchenhafter, der gesellschaftlichen Wirklichkeit fernstehender Sujets eigne. Ja, Gegner des Balletts - solche gibt es noch, und gar nicht einmal so wenige - hört man oft behaupten, diese Kunst vermittle nur einen gleisnerischen Zauber, der einem Menschen, der mit beiden Beinen fest in der Gegenwart stehe, kaum etwas zu sagen habe.Werfen wir einmal einen kurzen Blick in die Vergangenheit der Tanzkunst, um beurteilen zu können, ob diese Ansicht stichhaltig ist. Die Anfänge des Tanzes sind wissenschaftlich noch wenig erforscht. Wir können vom Tanz der primitivsten jetzt lebenden Gemeinschaften wesentliche Rückschlüsse ziehen. Hierbei müssen wir jedoch berücksichtigen, daß der heutige Tanz, etwa der der Wedda auf Ceylon oder der Andamanen, auch bereits eine jahrhundertelange Entwicklung durchgemacht hat. Die primitivsten menschlichen Gemeinschaften, die durch Sammeln von eßbaren Früchten und kleineren Tieren, durch Jagd auf größere Tiere und später durch die einfachsten Formen der Viehzucht und des Ackerbaus ihren Lebensunterhalt fristeten, befanden sich in einem ständigen Kampf auf Leben und Tod mit den Naturkräften, auf die sie zur Erhaltung ihres Lebens angewiesen waren, die sie jedoch gleichzeitig fortwährend mit dem Untergang bedrohten. Im Bewußtsein dieser primitiven Gemeinschaften verdichteten sich diese fremden, allmächtigen Naturkräfte zu Geistern, Dämonen und anderen menschenunähnlichen und doch gleichzeitig menschenähnlichen Wesen, die man durch magische Beschwörungen beeinflussen zu können glaubte. Der Jagdzauber, die Magie und ihre künstlerischen Mittel bildeten demnach einen sehr wichtigen Teil des Lebenskampfes und Produktionsprozesses dieser Urgemeinschaften. Im Zauber vor der Jagd wurden aus dem Hunger geborene Emotionen wie Furcht, Angst, Grauen, Wut, Hoffnung und Zuversicht in sehr vielfältigen Tiertänzen mit Masken ausgedrückt, in den Tänzen nach erfolgreicher Jagd herrschten dagegen Stolz, Freude und ekstatische Begeisterung vor.Bei den primitiven Ackerbau- und Viehzuchtkulturen bildete die Arbeitstätigkeit einen wesentlichen Inhalt der Tänze, der bei vielen Völkern bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist, denken wir nur an die Reistänze auf Java oder in Indien. Und natürlich spielte hier auch die Magie eine sehr große Rolle. Sie äußerte sich in Regenzauber und Sonnenanbetung, Saat-, Ernte- und Fruchtbarkeitstänzen, in Tänzen bei Geburt, Beschneidung, Hochzeit, Tod und Begräbnis oder in Tänzen zur Austreibung böser Geister.So war also der Tanz im Leben der Urgemeinschaften unmittelbar mit der Wirklichkeit verbunden. An den zeremoniellen Riten nahmen alle Gemeinschaftsmitglieder aktiv teil. Eine scharfe Trennung von Tänzern und Zuschauern existierte noch nicht.