Bővebb ismertető
Im Zug nach BerlinIch stelle mich in den Gang und lasse mir über die Sohlen die Schienenstöße in den Körper schlagen. Zugfahren am Abend und in der Nacht, das habe ich schon immer gemocht. Einmal mit der transsibirischen Eisenbahn fahren, das war mein Wunschtraum. Oder eine große Strecl<.e in Amerilca. Die riesigen Lokomotiven mit den mächtigen Kuhfängern! Ihr unablässiges Tuten und Klingeln Solche Wünsche werde ich wohl zu Grabe tragen müssen: Amerika, Sibirien - das ist vorbei.Es ist kein Licht im Zug. Wenn ich hinausblicke, sehe ich nicht die Spiegelung des eigenen Gesichts auf der Scheibe, sondern wie die Nachtlandschaft vorüberzieht. Der Mantel der Dunkelheit, was für eine schöne Metapher für die Schwärze da draußen: Unter dem Mantel der Dunkelheit rollt der Zug im gleichmäßigen Rliythmus dahin. Wenn er an einem verdunkelten Bahnsteig vorüberfährt, kann ich spüren, wie die wenigen Lichter über mein Gesicht hinhuschen.Dann sitze ich in meinem Abteil, und im Halbschlaf merke ich, wie sich der Falirtrhythmus verändert - wie er langsamer wird und der Zug schließlich hält. Ich muß eine ganze Weile richtig tief gepennt haben. Keine Ahnung, wo wir sein könnten.Ich sehe einen Bahnsteig unter zerstörtem Dach. Rotkreuzschwestern huschen wie plasmatische Geister durch den fahlen Schein der wenigen Lampen. Blutjunge Infanteristen schieben sich unter schweren Lasten wie lahmend am Zug entlang - ein ganzer Trupp. Hängende Köpfe, nur hin und wieder hebt sich ein Gesicht zu mir hoch: leichenbleich in der grauen Dunkelheit. Ein leerer Blick trifft mich.Das soll die stolze deutsche Wehrmacht sein, diese armen, verdreckten Burschen in ihren geflickten Klamotten? Sie sehen eher aus wie ein Zug def ge-demüdgter Gefangener. Vor dem Geländer einer Unterführung liegen einige sull ergeben halb auf Pappkoffern oder zwischen Rucksäcken wie Strandgut. Am fahlen Licht allein kann es nicht liegen, daß alles so herzergreifend erbärmlich aussieht.Ein Zug pfeift. Dann noch einer. Es klingt fast wie die schrillen Pfeifsignale der riesigen Polizeimannschaftswagen in der Chemnitzer Hartmannstraße, die mich als Kind so aufregten - die und die scharfen Blöktöne der silbernen Schalmeien, mit denen die Kommunisten ihre Marschmusik machten. Venückt, auf welche Weise mein Hirn funkuoniert: Daß ich au.sgerechnet jetzt an Chemnitz zurückdenken muß und die Denionstrationszüge imten im Tal am Fuß des Kaßbergs! Die Musik damals, die drang mir richdg ins Blut: Trommeln, Pfeifen, Hörner - alles das konnte mich in Rausch versetzen. Ich war imstande, durch die halbe Stadt zu laufen, immer neben dem Spielmannszug her und ganz eingehüllt im scharfen Klang. Dazu der Me.s-