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Seit Jahrtausenden treibt es den Nordländer mit rätselhafter Macht nach Süden. Im 5. vorchristlichen Jahrhundert drangen die Kelten aus ihrer gallischen Heimat über die Alpen. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten strömten in immer neuen Wellen Germanen nach Italien, zerschlugen das Römische Imperium und brachten das Land in ihren Besitz. Die Herrscher des frühen und hohen Mittelalters unternahmen stets neue Italienfahrten, um ihren Herrschaftsanspruch durch die Tradition des Imperiums zu legiti= mieren. Neben Landsuche und politischen Anspruch trat in der Neuzeit das Bildungserlebnis. Goethe war einer der ersten, den dieser Beweggrund zur „Italienischen Reise" drängte. Er zog in das Land der Klassik, auf der Suche nach Harmonie von Form und In= halt; er fand in der römischen Kaiserkunst, bei Raffael und Palla= dio die vollendete Form seiner eigenen Innerlichkeit.
Auch uns treibt das „Bildungserlebnis". Wir siiid oberflächlicher, vielschichtiger und nicht so sehr auf die bestimmte Antwort eîgenei Frage aus. Wir erleben frühchristlich=byzantische Kunst Ravennas neben romanischer Architektur, Giotto, Lionardo und Caravaggio zugleich und jeden für sich in seiner geschichtlichen Situation. Der Mensch als geschichtliches Wesen ist heute zum Problem geworden, und so suchen wir die Jahrhunderte historischer Vergangenheit im Medium der Kunst. Im Kunstwerk spricht ein jeweils vollkommener Augenblick; die Fülle der Kunstwerke wird zum Erlebnis erfüllter Geschichtlichkeit.
Neben Rom und Florenz ist vor allem Oberitalien Ziel der Rei= senden; das heißt geographisch: das Land zwischen Alpen und Apennin, mit der fruchtbaren, gewerbereichen Lombardei (Haupt= Stadt: Mailand), dem „zu Füßen der Alpen liegenden" Piémont (Hauptstadt: Turin), der italienischen Riviera Ligurien (Hauptstadt: Genua), mit dem dreifachen Venezien (der stark deutschstämmigen Venezia Tridentina, dem in weitem Bogen um Venedig gelagerten Veneto und dem nördlich anschließenden Friaul) und schließlich mit der am Nordhang der Abruzzen langgestreckten Emilia (Haupt= Stadt: Bologna). Das heißt geschichtlich: ein Land, das am spätesten dem großen Schmelztiegel des Römischen Imperiums einverleibt wurde, das am intensivsten dem Einfluß germanischer Wander= Völker ausgeliefert war und das seit Karl dem Großen zum nord= alpinen Kaiserreich geschlagen wurde. Kurzum, ein Land, das im= mer in der Fremde lebte.
Aber wie jede geschichtliche Situation den Appell zum Selbstsein birgt, gelang auch dem tätigen Menschenschlag Oberitaliens stets aufs neue, das Fremde in das Eigene zu verwandeln. So schuf Am= brosius, Bischof von Mailand, eine eigene Form christlicher Litur= gie, die gleichberechtigt neben der römischen stand. So verwandelte romanische Kunst langobardische Ornamentik, französische und deutsche Architekturformen zu eigenem lombardischen Stil, und so