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ERSTES KAPITELEin Amerikaner besucht Dr. WildDie letzte Patientin war gegangen. Dr. Adam Wild hing den nicht mehr ganz weifíen Arztekittel an einen Haken auf der Tür. Die Wand des kleinen Ordinationszimmers schalte sich wie ein raudiger Hund.Er trat ans offene Fenster und blickte hinaus.Es war Mai und Föhnstimmung. Der Föhn kam in warmen Wel-len: Juliwetter mit winterlichen Unterströmungen. In solchem Wet-ter werden die Kühe auf den Almen wild oder lüstern oder beides.Der Föhn malte wie ein malendes Kind, primitív, mit viel zu scharfen Kontúrén. Viel zu scharf waren die Kontúrén der Ruinen vor dem Fenster des Dr. Adam Wild. Es war nicht, als blickte der Himmel durch die leeren Fenster, sondern als hatten die Fenster ein Stück Blau aus dem Himmel geschnitten.Auf der anderen Seite der engen Miinchner Vorstadtstrafie stand kein Haus mehr. Das war fast überall so: die eine Strafienseite un-versehrt, die andere wegrasiert. Der Tod zog seine Furchen gerade wie ein guter Bauer.Dr. Wild wandte sich ab. Er durchquerte das dumpfe Warte-zimmer, das nach Krankenkasse roch, und betrat den Wohnraum. Es war ein ziemlich grofies Zimmer, aber es war so vollgeraumt, dafi es klein wirkte. Stühle, Truhen, Vasén, Glasschranke, Statuen, selbst die Bilder so nahe beieinander, dafi sie sich beinahe berührten. Frau Wilds Antiquitatenladen war ausgebombt. Das Wohnzimmer war jetzt ihr Antiquitatenladen.Frau Wild safi in einem antiken Lehnsessel mit einem hohen, starren Rücken aus Samt, auf den ein Wappen gestickt war. In dem majestatischen Sessel wirkte sie wie eine winzige, alte Königin. Neben ihrem Sohn sah sie immer kleiner aus, als sie war, denn er war ein Riese: breit, massiv und schwerfallig, ahnelte er dem nor-mannischen Schrank, neben dem er jetzt stand.Frau Wild blickte auf aus ihrem schwarzen, antiquarischen Buch, das sie gelesen hatte. Es war seltsam, wie sich der Riese und die kleine Frau ahnelten. Beide hatten hellblaue Augen, nur waren ihre viel jünger, Inseln in einem Runzelmeer. Auch mufite sie einst genau so blond gewesen sein wie er, denn ihre Haare waren nicht weifi, sondern gelb.Eine Sommerhitze, sagte Frau Wild.Sie ging zum Fenster und öffnete es. Dabei fiel ihr Blick auf die Strafie.Ein Amerikaner, sagte sie.Dr. Wild blickte über ihren Kopf hinweg auf die Strafie.Untén hielt ein Jeep. Neben dem Fahrer safi ein Offizier. Er trug ein grünbraunes Feldhemd und eine Feldmütze. Hinten im Jeep waren drei oder vier Pappschachteln aufgestapelt. Mutter und Sohn wufiten, was sie enthielten, denn in ihren Traumen kehrten diese Pappschachteln immer wieder. Die amerikanische Armee nannte sie Rationen. Für die Deutschen waren sie Traume aus Pappe.