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EINLEITUNG
1. »Erklären« und »verstehen«
An letzter Stelle im ntl Kanon steht das spannendste Buch der Bibel: die »Offenbarung Jesu Christi« (!'). Immer wenn die christliche "Welt aus den Fugen zu geraten schien, wurde diese einzige Apokalypse des NT befragt, um die (sprichwörtlich: apokalyptischen) Schreckensbilder der eigenen geschichtlichen Stunde zu deuten. Dieses umstrittene Werk wurde allzuoft mißbraucht: Mit neugieriger Sensationslust suchte man nach Informationen über die Weltgeschichte; mit reger Phantasie spekulierte man über das Ende der Menschheit; mit blindem Fanausmus wollte man verhängnisvolle Irrwege der Kirchengeschichte durch zusammenhanglose Zitate aus der Offb rechtferdgen: Ob es die Idee des »Tausendjährigen Reiches« war (20'"'°), oder ob es die Gleichsetzung der verdorbenen (römischen) Großkirche mit der Synagoge des Satans (2' 3') bzw. mit der Hure Babylon (17f) war, die Holzwege solchen Textverständnisses waren erschütternd. Es war höchste Zeit, daß die historisch-kritische Exegese diesen Gefahren erfolgreich Einhalt gebieten konnte. Der Text der Offb wäre sonst ein Exerzierfeld der verschiedenartigsten Erklärungsversuche geblieben. Ein Beispiel: Durch falsch verstandene Zahlenkombination der Offb verursachen sogar jetzt noch immer apokalyptisch orientierte Sekten eine Torschlußpanik; dadurch werden (von Aktivitätsdrang gereizte) Menschen in eine krankhafte Unruhe versetzt. Der Bildungsnotstand macht für alle möglichen Irrwege anfällig.
Der Text der Offb muß verantwortungsbewußt erklärt werden: Zunächst ist es nötig, die ursprünglichen Aussagen am zeitgeschichtlichen Hintergrund zu erfassen. Die historische Distanz und die komplizierte Sprachbarriere müssen überwunden werden. Zugleich soll aber der sachgerecht erschlossene Text aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart »übersetzt« werden. Um von den aufregenden Textaussagen im Hier und Heute betroffen zu werden, müssen wir dieses apokalypdsche Buch richtig verstehen: Die Gotteserfahrung, die aus dieser Schrift spricht, will die Welt nicht nur »erklären«, sondern »verändern«; das heißt: Eine lebendige Aneignung des Textes wird nur dann erfolgen, wenn wir bereit sind, in die faszinierende Bewegung des gesamten Textgefüges einzutreten. Wenn wir die spannungsgeladenen Entstehungsverhältnisse des Textes kennen, werden wir die Richtung der Lebenspraxis verstehen, die uns aus diesen Texten anspricht: Wir werden hier nicht Menschen begegnen, die resigniert unter der Last ihrer Schmerzen erdrückt werden; im Gegenteil: Wir werden mit Christen konfrondert, die ihr ganzes Leben auf die begründete Hoffnung setzen: Das Heil ist einzig und allein von Gott in Jesus Christus zu erwarten!