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Kurt Pahlen - Oper der Welt [antikvár]
 
Rolf Liebermann (Intendant der Staatsoper Hamburg) OPER IN DER DEMOKRATIE Manchmal habe ich das Gefühl, rund um unser vielfarbiges Kunst- und Kulturleben seien starke und einflußreiche Kräfte am Werk, deren innigstes Anliegen es ist, das Musiktheater in einen gegen das rauhe Wehen des Zeitgeistes trefflich abschirmenden klassisch-romantischen Bildungsnebel zu hüllen und in dessen Deckung unter fragwürdigen Vorwänden aus der Gegenwart zu flüchten. Wer diese Kräfte im einzelnen repräsentiert, möchte ich hier nicht untersuchen. Es...
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Rolf Liebermann (Intendant der Staatsoper Hamburg) OPER IN DER DEMOKRATIE Manchmal habe ich das Gefühl, rund um unser vielfarbiges Kunst- und Kulturleben seien starke und einflußreiche Kräfte am Werk, deren innigstes Anliegen es ist, das Musiktheater in einen gegen das rauhe Wehen des Zeitgeistes trefflich abschirmenden klassisch-romantischen Bildungsnebel zu hüllen und in dessen Deckung unter fragwürdigen Vorwänden aus der Gegenwart zu flüchten. Wer diese Kräfte im einzelnen repräsentiert, möchte ich hier nicht untersuchen. Es sei mir gestattet, jene Kritiker, die aus diesen oder jenen Motiven, oft genug auch aus schlichter Unkenntnis heraus, moderne Werke auf dem Theater grundsätzlich in Grund und Boden verdammen, einfach zu ignorieren. Nicht ignorieren kann ich freilich, als Theaterleiter wie als Komponist, die oft zu vernehmende, immer wieder verblüffende Behauptung, Kunst habe nichts mit Politik zu tun. Die Argumente für den fälligen Gegenbeweis bieten sich im Bereiche des Schauspiels leicht an; von Sophokles bis Thornton Wilder kennt die Theatergeschichte kaum ein Werk von überzeitlicher Bedeutung, das nicht schon in seinem Stoff mit dem politischen Geist seiner Zeit verknüpft wäre. Diese Erkenntnis ist auf alle Epochen des Dramas anwendbar, ob die Verknüpfung mit dem Zeitgeist ihren Akzent vom Theologischen her erhielt wie bei den griechischen Tragikern, vom Humanistischen wie im Drama der deutschen Klassik oder vom Sozialkritischen wie im Naturalismus. Im Bereich der Musikbühne ist eine solche Auseinandersetzung schon schwerer zu führen, was vor allem in der komplizierteren Struktur der Kunstgattung Oper, nämlich in dem ihr innewohnenden Dualismus von Buch und Musik begründet liegt. Wir kennen Werke, deren aktueller Bezug sich fast ausschließlich aus der dramatischen Vorlage ergibt. Bei anderen tritt der Geist ihrer Zeit lediglich im Musikalisch-Aesthetischen hervor. Eine dritte Gruppe wiederum ist inhaltlich und musikalisch aufs engste mit dem Geist einer Epoche verknüpft. Schon diese grobe, keineswegs nuancierte Gliederung zeigt, unter welch verschiedenartigen Vorzeichen die Oper zu «politischer» Wirksamkeit gelangen kann. Auf den ersten Blick will es freilich scheinen, als habe dies für eine ganze Reihe von Opern, die von der Musik wie vom Libretto her im sogenannten «klassischen Repertoire» verankert sind, keine Geltung. Ueberraschende Erfahrungen zeigen jedoch, daß auch Werke des traditionellen Musiktheaters durchaus nicht immer als unverrückbar zeitlos angesehen werden müssen, sondern daß zumindest der Stoff, bestimmte Episoden der Handlung oder auch einzelne Dialogstellen plötzlich aktuelle Aspekte bekommen können, die durch die politische Situation einer Zeit bestimmt sind. Es soll aber keineswegs nur die Rede von Opern sein, bei denen Sujet oder Libretto (oder vielleicht nur die Person des Librettisten) ein im höheren Sinne politisches Augenmerk erfordern. So verblüffend es auf den ersten Blick scheinen mag: auch die musikalische Sprache, sofern sie einem breiteren Publikum auf irgendeine Weise ungewohnt klingt, hat ihre politischen Aspekte. Denn gerade das Votum jener Mehrheit, die an der Finanzierung des Institutes so maßgeblich beteiligt ist, wird auf dem Wege über die Subvention zum Politikum. Wollen wir die Möglichkeiten der heutigen Musikbühne, über das gepflegte Amüsement oder das melodienselige Dreamland hinauszugelangen, wirklich ausschöpfen, so bleibt uns gar nichts anderes übrig, als nicht nur Theater der Zeit, sondern auch Musik der Zeit zu bieten. Kein Mensch verwehrt einem gemeinnützigen Volksbildungs-Institut, neben Rembrandt-Vorträgen und Claudius-Rezitationen auch Führungen durch Ausstellungen zeitgenössischer Meister oder Beckett-Diskussionen zu veranstalten. Bei der Oper aber heben oft genug die fiskalisch Denkenden die Hände und sprechen — denn kaum ein Argument ist in Finanzdebatten und Boulevardblättern so leicht verkäuflich — von «Verschleuderung der Steuergelder», wenn ein modernes Werk weniger Interessierte findet als ein Verdi oder Mozart. Will man sich dieser Argumentation fügen und künstlerische Einsicht wie erzieherische Aufgabe nur als privates Hobby, nicht als selbstverständliche Pflicht und Schuldigkeit betrachten, dann schließe man schleunigst unsere Opernbühnen imd subventioniere statt dessen ein paar starprangende Tournee-Theater und einige brillante Puccini-Schallplatten. Will man das nicht, dann muß man sich aber auch konsequent von jedem an Mehrheitsbeschlüssen orientierten Denken in Fragen der Kunst radikal freimachen.

Termékadatok

Cím: Oper der Welt [antikvár]
Szerző: Kurt Pahlen
Kiadó: Schweizer Druck- und Verlagshaus AG
Kötés: Vászon
Méret: 200 mm x 280 mm
Kurt Pahlen művei
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