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ÖSTERREICHS MUSIKALISCHE GROSSMACHTSTELLUNG
Die europáische Kultur hat in den Schöpfungen der Musik einen besonders charakteristischen Ausdruck gefunden, die Musik Österreichs steht an so zentraler Stelie, daB „Musik" und „Österreich" fast als gieichbedeutend gelten. Der historische Kern dieser Erscheinung liegt in jener geschichtlich wohl einmaligen Summierung genialer musikalischer Kráfte, die in den Jahrzehnten um 1800 den Begriff „Wiener Klassik" pragten. Den Meistern der „Wiener Klassik" gelang etwas Einmaliges: die Vergeistigung und Vermenschlichung der Musik bis an die áuBerste vorstellbare Grenze. Kulturhistoriker vergleichen deshalb diese goldene Epoche Wiens gern mit Athén im perikleischen Zeitaiter, denn die Komponisten, die etwa zwischen 1780 und 1828 (Schuberts Todesjahr) in Wien wirkten, habén die Musik neuerlich zu einer alle Grenzen und Generationen überschreitenden Macht erhoben, die heute, im Zeitaiter der Massenmedien, Menschen in aller Welt erreicht. „Und für diese Musikperiode den Schauplatz zu bereiten und die Kulisse zu stellen, war unserem Land, war Österreich, übertragen", schrieb der Wiener Musik-schriftsteller und -kritiker Heinrich Kralik, „Musik-Athen heiBt folgerichtig Wien . . .".
„DaB Mozart, Haydn, Schubert, Lanner, Johann StrauB, Bruckner, Mahler Österreicher waren, daB Beethoven und Brahms mit Seele und Werk in Wien Wurzeln geschlagen hatten, zeigt, in welch bedeutendem, besonderem Sinn Österreich als Heimat der Musik gelten kann", stellte der berühmte Dirigent Bruno Walter (1876—1962) über die
Meister der Klassik und deren Nach-folger im spáteren 19. Jahrhundert fest. Viele Hypothesen wurden aufgestellt, warum gerade Österreich für eine derart musikalische Entfaltung besonders disponiert war. Landschaft und Klima mögen ebenso daran beteiligt sein wie die geographische und ethnographische Lage des Landes, die Österreich einmal zum Bollwerk, einmal zur Brücke bestimmt. Die groBen europáischen Wanderungen der Völker und Ideen — in der Gotik vom Norden nach Süden, in Renaissance und Barock vom Süden nach Norden —, die Österreich stets unmittelbar berührten, sowie das rassische und kulturelle Nebeneinander im Vielvölkerstaat der Habsburger vom ausgehenden Mittelalter bis in das beginnende 20. Jahrhundert, könnten die musische Anlage des Österreichers mitgeprágt habén. Dazu kommt eine für ihn typische Mentalitát, die es ihm ermöglicht, leichter zum Ausgleich geistiger und seelischer Spannungen zu gelangen, aus dem Volk kommende Wurzeln und internationale Hochkultur schöpferisch zu verschmelzen, von auBen kommende Elemente umzu-formen und zur Synthese eines typisch österreichischen Musikstils zu bringen. Dazu braucht es offenbar „jene schwebende nationale Gebundenheit, wie sie uns, dem Mischprodukt aus jahrhundertealtem Grenzland, eigen-tümlich ist" (Kralik). Die musikalische Kompetenz Österreichs, seine GroBmachtstellung in der Musik, hat sich fast unabhángig vom politischen Auf und Ab der Geschichte behauptet. Auch das nach dem Ersten Weltkrieg (1914—1918) zum Kleinstaat gewordene Österreich und das zerstörte und vierfach besetzte Land nach dem
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