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ÖSTERREICHISCHE MUSIKZEITSCHRIFT
24. JAHRGANG
JÄNNER 1969
HEFT 1
AN UNSERE LESER!
Wir stehen am Beginn des 24. Jahrganges der Österreichischen Musikzeitschrift. In einem Jahr werden wir den Jubiläumsjahrgang heginnen, mit demselben Gefühl, mit dem wir immer am Anfang des Jahres an die große Aufgabe herangehen, zwölf Hefte so zu gestalten, daß der Leser den größtmöglichen Gewinn davon hat. Der Leser — dieser Begriff ist natürlich genauso Undefiniert wie der des Publikums. Gestatten Sie, werter Leser, daß wir uns von Ihnen eine Idealvorstellung machen! Und daß wir diesem Ideal eines Lesers bieten, was er — nado unserer Vorstellung — von einer österreichischen Musikzeitschrift erwartet. Wir glauben von Ihnen, werter Leser, daß Sie die Musik lieben, mit ]ener Inbrunst, mit der man auch ein lebendes Wesen lieben kann, aber nicht mit jener blinden Liebe, die jeden Einfluß des Verstandes ausschalten will. Sie wissen aus der Erfahrung des Hörens und des Lernens, daß in jeder Musik zwei Kräfte wirksam sind, Kräfte des Gefühls und Kräfte des Verstandes; daß der Schöpfer einer guten Musik beides in ihr vereint hat, und daß beides gemeinsam zu Ihnen gelangt; daß aber nur die Musik selbst Ihnen beides übermitteln kann; und daß es unsere Aufgabe ist, jenen rationalen Teil zu erläutern und Ihnen nahezubringen, der dem Verstände zugänglich ist. Wir haben es stets betont und können es nicht oft genug sagen: Daraus, daß wir rational von der Musik sprechen, ist nicht abzuleiten, daß wir nur das intellektuelle Moment in ihr sehen — wir wissen ganz genau, daß die andere Hälfte genauso wichtig ist wie jene, zu der wir Zugang haben; und daß sie von uns kaum berührt wird, hängt damit zusammen, daß sie sich ihrer Natur nach dem Wort entzieht. Wir vertrauen darauf, daß unsere Leser aus der alleinigen Präsenz der intellektuellen Musikbetrachtung nicht falsche Schlüsse ziehen. Wir denken uns weiter den Idealleser interessiert an der Musikgeschichte, an einer lebendigen Musikgeschichte, welche die Musik als Teil der Kulturgeschichte begreift. Wir nehmen an, daß er die Wahrheit zu hören wünscht, und nicht die Wiederholung der vielen Märchen, die gerade die Musikgeschichte in Mißkredit gebracht haben. Wir glauben, daß er im Laufe der Jahre entdeckt hat, wie interessant die Gewinnung und die Wiederherstellung der Wahrheit auf dem Gebiete der Musik — und nicht nur dort — sein kann, und wie sehr wir davon profitieren, wenn wir uns der sentimentalen Geschichtchen entschlagen, die nur der Verfälschung des Geschichtsbildes dienen. Unser Leser wird uns verzeihen, daß wir nicht vom Kinde Mozart auf den Knien Maria Theresias berichten und daß uns selbst das „Stille Nacht, Heilige Nacht" ein Gegenstand der Forschung ist.