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Editorial
Sind wir Revisionisten? - Manche modische Formel mag dies nahelegen. Und gewiß zwingen politische und gesellschaftliche Kontinuitätsbrüche auch die Historiker zu einem Überdenken der eingeschliffenen Perspektiven und Praktiken. Revisionen wären dann zu verstehen als Reaktionen auf und als Kompensation für Enttäuschung und Verlust alter Gewißheiten. Sie korrespondieren also mit einem Erfahrungswandel, den das Ende der ,großen Ideologien' und der ,Erzge-wißheiten' in Europa gebracht hat. Doch können wir es nicht mehr so umstands-los halten wie Brecht, der seinem Freund Walter Benjamin geraten hat, „nicht an das gute Alte, sondern an das schlechte Neue" anknüpfen. Es ist die Entdeckung des konstruktivistischen Charakters der Historie, die zu Re-Visionen, zum ,Noch-einmal-hinsehen', zur kritischen Besichtigung scheinbar abgesteckten Terrains, im Falle von Texten: zum ,Neu-Lesen', zur ,Re-Interpretation' und zum ,Umschreiben' zwingt, und damit zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit den Konstitutionsbedingungen von Geschichtswissenschaft(en).
Eröffnet wird das vorliegende Heft mit Reflexionen zu Jenö Szücs' Essay über die „drei historischen Regionen Europas". Szücs ging es in seiner „Skizze" - aktuelle politische Bedürfnisse ebenso aufnehmend wie kritisch hinterfragend - um nicht weniger als die historischen Voraussetzungen für die Entstehung demokratischer Herrschaftsformen und einer bürgerlichen Gesellschaft' in Europa. Während im ,Westen' der okzidentale Feudalismus einer kapitalistischen Transformation und der Herausbildung einer vom Staat unabhängigen ,zivilen Gesellschaft' den Weg bereitet habe, fehlten diese Strukturmerkmale im ,Osten'. ,Ostmitteleuropa' wird von Szücs als eigenständige europäische Region mit spezifischen Strukturmerkmalen zwischen westlichem und östlichem Entwicklungsmodell situiert, gekennzeichnet durch strukturelle „Zwiespältigkeit" und durch Brüche in der sozio-ökonomischen Entwicklung, deren gemeinsamer Nenner die „zweite Leibeigenschaft" gewesen sei. Szücs' Thesen werden in Erich Landsteiners Eröffnungsbeitrag im Licht der einschlägigen neueren Forschung diskutiert.
Editorial, 5-7
ÖZG 4/1993/1 5