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Die Bibel berichtet von der Sintflut und von Noah und von seiner Arche. Hundertfünfzig Tage hauste Noah in seiner Arche >mit seinen Söhnen und seinem Weibe und seinen Schwiegertöchtern . . . Männchen und Weibchen< und mit >allen reinen Tieren je sieben . von den unreinen Tieren je ein Paar<. Aber die Bibel verschweigt, daß sich in der Arche ein Chronist befunden haben muß.
Ich bin der Chronist der Arche. Und der Sintflut, in der meine Stadt untergeht. Venedig ist meine Stadt, die Stadt in der Sintflut. Ich bin Venezianer.
Ich besinge meine Stadt nicht: Das haben andere getan, in vielen Jahrhunderten. Sie nannten sie die schönste Stadt der Welt, Königin der Meere, Serenissima, gekröntes Eiland, Kleinod in die Silbersee getaucht, Nymphe der Lagunen, der Schönheit Losungswort, des Tasso Sang, La Dominante, der Städte weißen Schwan.
Jetzt liegt meine Stadt in demütigender Agonie, wie jene schöne Lady Hamilton, die in der Gosse der unbarmherzigen Hafenstadt Calais endete. Ihre Züge sind von Aussatz gezeichnet, Nattern nisten in ihrem Haar, ihr Leib ist aufgeschwemmt, ihr Atem geht schwer. Das Meer rächt sich an seiner Königin. Seine Wogen überfallen ihre Paläste, rollen über ihre Plätze, fressen ihre Straßen, zermahlen ihre Treppen, verwerfen ihre Statuen, bespeien ihre Heiligen, höhnen ihrer Brücken, erbrechen sich über brechende Dämme.
Vom Festland nähert sich eine andere Armee. Die Fabrikschlote sind Kanonenrohre, gegen den Himmel gerichtet, sie feuern Gift über Canalettos Visionen. Ein Regenbogen von Flammen spannt sich über den Hafen; Lombardos Engel kreuzen die Arme vor schwarzen Brüsten; die Staunende auf der Fassade des Palazzo Miani gleicht einer Sünderin; San Marcos Tetrarchi klammern sich aneinander wie Kinder, die zusehen müssen, daß man ihre Mutter schändet; die Engel der Salute sind gefallene Engel, angeli caduti; aus den Tiefen steigen Froschmänner von Schleim und Moos und Dreck.
Aber die Sintflut kommt von Gott, also von den Menschen.