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„Meine Methode, mein Gesetzbuch ist Realismus. Aber ein Realismus, verstehen Sie mich richtig, voll von Größe, unbewußt. Der Heroismus des Wirklichen. Courbet, Flaubert. Noch darüber hinaus. Ich bin nicht romantisch. Die Unendlichkeit, der Strom der Welt in einem Atom der Materie. Halten Sie das für unmöglich?"
Cézanne zu Joachim Gasquet
„Alt, krank, von der gleichmäßigen täglichen Arbeit jeden Abend bis zur Ohnmacht verbraucht (so sehr, daß er oft um sechs bei Dunkelwerden nach einem sinnlos eingenommenen Abendbrot schlafen ging), böse, mißtrauisch, jedesmal auf dem Weg zu seinem Atelier verlacht, verspottet" - so zeichnet Rilke, in einem Brief vom Oktober 1907, den Alten aus Aix in seinen späten Jahren, wie sie dem Gedächtnis der Mit- und Nachwelt überliefert sind. Diese Jahre sind legendenumwoben; und dennoch: die arbeitsbesessene Einsamkeit von Cézannes Altersjahren ist durch kommentierende Worte kaum zu überbieten. „Man macht sich über mich lustig", so äußert sich der Alte einem seiner jungen Besucher gegenüber, dem Maler Emile Bemard, „ich habe nicht die BCjaft, Widerstand zu leisten. Die Einsamkeit, das ist es, was ich verdiene. Wenigstens kriegt mich so keiner dran."
Einsamkeit ist das Schlüsselwort zum Leben, zur Gestalt dieses Mannes, der die Isolierung, ob im Gesellschaftlichen oder im Künstlerischen, nie für erstrebenswert gehalten hatte - und der dennoch allein blieb, da er einer erneuerten Kunst den Weg bereiten wollte, ohne doch den Beistand und Auftrag einer erneuerten Gesellschaft zu haben, von der er im übrigen nicht mehr wußte, als eine leise Hoffnung weiß. Unter südlicher Sonne, in der alten Hauptstadt der Provence nahe Marseille (zur Zeit seiner Geburt ein Zentrum der Filzindustrie), vwrd Paul Cézanne am 19. Januar 1839 als Sohn des Hutmachers und Geschäftsteilhabers Louis-Auguste Cézanne und der bei diesem beschäftigten Drechslerstochter Anne-Elisabeth-Honorine Aubert geboren; die Eltern heiraten erst 1844.
Louis-Auguste, der Vater, ist ein Selfmademan reinsten Wassers, der profilierte Vertreter bourgeoisen Unternehmungsgeistes des Juste-milieu - unternehmend, ausdauernd, mit dem Blick für die rechte Gelegenheit begabt und auch mit Glück. Er sammelt, vor allem durch Kreditgeschäfte mit den Lieferanten der Hutmacher, den Kaninchenzüchtern der Umgegend, ein Vermögen an und erwirbt die in Konkurs gegangene einzige Bank von Aix; mit deren Kassierer als Teilhaber gründet er 1848 das Bankhaus Cézanne tmd Cabassol - im selben Jahr, in dem sich Arbeiter und Kleinbürger gegen Wahlzensus imd Korruption, gegen Einschränkung und Verweigerung ihrer elementaren politischen Rechte stürmisch erheben, das Bürgerkönigtum beseitigen und Frankreich erneut zur Republik machen, im selben Jahr, in dem der Protestaufstand des Pariser Proletariats, provoziert durch Schließung der erst im Februar eingerichteten Nationalwerkstätten, in der Junischlacht im Blut der Arbeiter erstickt wird. Als Louis-Auguste im Jahre 1886, achtundachtzigjährig, stirbt, hinterläßt er seinen Erben ein Vermögen von mehr als einer Million Francs.