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(Sammlung Keith Warner), an die «Minotauromachie» von 1935 (Sammlung Henry P. Mc Ilhenny, Germantown), lauter Werke, die, sei es in der Form oder im Inhalt, ein gleiches Gefühl offenbaren, wenn man von den notwendigen und gesetzmäßigen Wandlungen in der Erfahrung des Künstlers absieht. Man darf in der Tat nicht vergessen, daß bei Picasso alle Veränderungen mehr äußerlich als grundsätzlich sind, wenn man die erste Periode ausnimmt, die wir etwa mit dem Jahre 1937 abschließen können, dem Jahr der «Demoiselles d'Avignon». Alle sogenannten Unvereinbarkeiten in Werken des gleichen Jahres oder der gleichen Epoche, die mancher im negativen Sinne anführen möchte, erweisen sich bei einer tiefergehenden Prüfung als leicht überwindbar angesichts der weiteren und umfassenderen Absichten, jener stilistischen Energie, die das empfindlichste und bestimmendste Merkmal seiner Kunst bildet. In den «Drei Musikanten» von 1928 (im Museum of Modern Art in New York) und einigen gleichzeitigen,«Mütterlichkeit» betitelten Werken zeigen sich eine räumliche Verteilung, eine Reduktion der plastischen Elemente, ein rhythmischer Ausdruck, die keineswegs Widersprüche, sondern Ergebnisse einer folgerichtigen Entwicklung darstellen. Die teils ornamentale, teils scharf auf einen stark expressiven Graphismus gerichtete Haltung mancher Werke von 1934 spiegelt im Grund nur einen ähnlichen Prozeß wider, der zu Ergebnissen führt, die gleichzeitig grotesk und mitleiderregend sind. Dieses Zusammentreffen findet trotz anderen Ansehens in der Art, wie sich Zeichen und Farben verteilen, seinen entsprechenden Ausdruck. « Guernica » ist also das Werk, das den wahren Maßstab für die Fähigkeiten Picassos gibt, durch die Aufrichtigkeit, die ihm Leben, und durch das gründliche Studium, das ihm Form gegeben hat; vollendet im Gleichgewicht der Komposition, das es bis in die kleinsten Einzelheiten beherrscht, die so an der strengen stilistischen Einheit teilhaben, durchzogen von einem weiten, wenn auch schmerzerfüllten und heulenden Atem, bildet das Werk eine Zusammenfassung aller formalen und inhaltlichen Qualitäten der Kunst Picassos: die Entwicklung einer expressionistischen und abstrakten Synthese aus naturalistischen Gegebenheiten, Kraftlinien, die bis zum Zerreißen angespannt sind und gleichsam die Grenzen des Gemäldes sprengen, Eckigkeit und Härte der Konturen, die durch ein beständiges und sehr wesentliches Spiel von Weiß, Grau und Schwarz die universale Stellung Picassos kundtun: nämlich die Überwindung der einzelnen Individualität, die zum Symbol der ganzen Menschheit aufsteigt.
Picasso steht jeder Form der Naturnachahmung feindlich gegenüber, vertraut auf die Ausdruckskraft des Bildes, das der Natur durch ein unmittelbares Eindringen in sie entrissen wurde, ein Eindringen, das in der stürmischen Kraft des Gefühls von fast wilder Ursprünglichkeit ist, das aber stets vom Handwerklichen her überwacht und kontrolliert wird.
All dies kann nur sein unlösbares, fast schicksalhaftes Verhältnis zu der Sicherheit, mit der er die künstlerische Bedeutung der Phantasie behauptet, bekräftigen. Das ist die echteste und höchste Anerkennung, die Picasso sich erobert hat: er war fähig, gleichzeitig die Bereiche der Lyrik und der Prosa zu einer Einheit des Tones und der Farbe zu vereinigen, was schließlich den wahren Sinn eines Künstlers und seiner Arbeit für die Menschheit bedeutet. Nur auf diesem Wege und mit diesem Mittel kann ein Werk unternommen werden, das gerade in seiner problematischen Unruhe darauf gerichtet ist, nicht nur die Höhe der Poesie, sondern der Kultur überhaupt zu erklimmen, was im übrigen im unendlichen Verlauf der Zivilisation und Geschichte immer eng miteinander verbunden gewesen ist. In dieser Lösung finden auch die widersprechendsten Behauptungen den ihnen zukommenden Platz. Der verbindende Faden ist und bleibt ein größerer Freiheitsanspruch, der zwar, man kann es nicht leugnen, an die Umstände gebunden ist, aber gerade in ihnen den Anstoß z\i einer Vereinigung des Lebens und der Kunst findet. «Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln, es gibt aber auch andere, die vermöge ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln.» (¦) Und zu diesen gehört Picasso. Mit leidenschaftlicher Objektivität betrachtet er das Leben, das in den Farben und in jeder Linie seines Werkes, freilich oft übersteigert und ohne Hemmung, vielleicht auch ohne Hoffnung, neu Wirklichkeit geworden ist.
t*) Convereation avec Picasso in tCahiei» d'Ait 1935."
PICASSO
Man kann die künstlerische Kultur einer Epoche nicht aus der Gesamtheit der geistigen Kräfte herauslösen, die die Geschichte und den Menschen selbst ausmachen; man muß den Künstler also als Vertreter seiner Zeit betrachten.
Nun ist die Welt des Geistes einer dauernden Wandlung unterworfen, die manchrhal ruhig und kaum wahrnehmbar, dann aber wieder heftig und laut vor sich geht. Man ist heute fast allgemein der Überzeugung, daß seit dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in der Kunst eine Unsicherheit um sich gegriffen habe, die sich zuerst als Zustand des Unbefriedigtseins äußerte, um sich nach und nach als unverkennbare Unbeständigkeit und Unzufriedenheit kundzutun. Es war kein Zufall, daß dies gerade dann geschah, als alle Vorstellungen vom Bestand der Welt in Frage gestellt und gefährdet erschienen, mühsam sich haltend auf dem schmalen Grat einer künftigen Lösung, die aber keineswegs in greifbare Nähe gerückt war und es vielleicht auch heute noch nicht ist.
Die Menschheit konnte sich dem Eindruck, den die Verkündung der Relativitätstheorie, die Entdeckung der vierten Dimension und der Unendlichkeit des Weltraums auf sie gemacht hatte, nicht entziehen. Alle Möglichkeiten schienen im Laufe der Jahrhunderte ausgeschöpft und nichts mehr zu erfinden. Wir geben zwar zu, daß alle Bedingungen, unter denen der Künstler zu arbeiten gezwungen ist, eine nicht zu beseitigende historische Realität sind, in der der Widerstreit der ästhetischen Dinge den Wändlungen einer Kultur entspricht, die verzweifelt bemüht ist, ihre Probleme zu lösen; doch dürfen wir darüber die andere Realität nicht vergessen, die der Kunst und der Kunstwerke, wie immer sie uns auch entgegentreten! Es gibt im Laufe der Geschichte, selbst in den gefährlichsten Verfallszeiten, immer Elemente positiven Charakters, die nämlich, in denen sich die menschliche Erfahrung innerhalb bestimmter Formen erfüllt und das Niveau einer Universalsprache erreicht. Daher müssen wir in Picasso den wichtigsten Künstler unserer Zeit erkennen, denn er hat in gewisser Weise vielfache Erfahrungen umgeformt und kraft seiner künstlerischen Meisterschaft sich selbst und uns abwechselnd zum Ausdruck gebracht.
Selbst ein kurzer Überblick über das Gesamtwerk Picassos macht klar, daß sein Verhältnis zu den anderen künstlerischen Äußerungen seiner Zeit äußerst lebhaft und abwechslungsreich ist, und am Ende weiß man nicht, ob er mehr gegeben oder mehr genommen hat. Die geheimen Wege seiner Inspiration führen ihn vom Epischen zum Mythos, vom Lyrischen zum Surrealismus, vom Grotesken zum Pathetischen. In einer Zeit, die ganz gegen Schulen und hergebrachte Formen eingestellt ist, in der die Anordnung der Zeichen mehr gilt als ihre Sprache, ragt Picasso hervor durch seine revolutionäre Kraft, durch die Leidenschaft seines Protestes und durch seine unerschöpfliche Erfindungsgabe. Er kämpft gegen sich selbst, gegen sein Erinnerungsvermögen, um sich von all dem zu befreien, was eine vielhundertjährige Geschichte gelehrt hat, um eine neugewonnene Ausdrucksfreiheit zu behaupten. Er konnte sich zu einer gewissen Zeit in der strengen Art eines Ingres versuchen, andererseits aber wies er die spätere strenge Form eines M o n d r i a n zurück; und mit dem dynamischen und abstrakten Impressionismus eines Kandinsky befaßte er sich nicht.
Er blieb sprunghaft und nur den unmittelbarsten Eingebungen seines menschlichen Temperamentes treu. Was er von unseren Sehgewohnheiten zerstört hat, findet einen vollgültigen Ausgleich in der Schaffung einer neuen Tradition. Die Errungenschaften der vorangegangenen Epochen strömen in dieser neuen Tradition zusammen, und nur so können die überlieferten Lehren auch für uns wertvoll und bedeutsam werden. Picasso hat sich durch die früheren Überlieferungen wie durch ein Labyrinth hindurchgearbeitet, und er ist daraus hervorgegangen mit der Fähigkeit, sie für die Gegenwart zu interpretieren und umzuwandeln, einer Fähigkeit von solcher Dynamik, daß es ihm möglich ist, in genialer Weise selbst das wiederzubeleben und zu aktualisieren, was endgültig erschöpft und begraben war. Wenn auch manchmal seine Aktivität zur schöpferischen Wut wird, zum Haß auf alle Gegebenheiten der Erinnerung, so rettet er sich in die präzise Struktur seiner Zeichen, in die Zahl seiner Werke, die nun einen