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DER geschichtliche Schauplatz, auf dem sich das Schaffen Pieter Bruegels vollzog, hat von jeher das
Interesse der Historiker und Dichter erregt: die Niederlande der Jahrzehnte von 1550 bis 1570
unter der Herrschaft der von Spanien aus einen großen Teil der Welt regierenden Habsburger.
Kaiser Karl V. und besonders sein Sohn und Nachfolger, der finstere und grausame Philipp II., versuchten
in ihrem starren und unduldsamen Katholizismus die in die Niederlande eingedrungene Reformation
zu unterdrücken und schließlich mit Feuer und Schwert auszurotten, verband sie sich doch mit dem
starken Drang des niederländischen Volkes, das Joch der habsburgischen Feudalmacht abzuschütteln und
ein demokratisches Gemeinwesen protestantischer Prägung zu gründen. Spanische Söldner rückten in
die Niederlande ein, 1568 starben die Führer der Aufstandsbewegung, die Grafen Egmont und Hoorn,
unter dem Beil des Henkers, und damit war das Zeichen zum offenen Aufruhr gegeben. Nach jahr-
zehntelangem Ringen war sein Ergebnis das von Spanien unabhängige, protestantische Holland, während
die südlichen Niederlande weiterhin unter spanischer Herrschaft und damit katholisch blieben. Unsere
beiden größten Dichter, Goethe und Schiller, haben sich mit jener spannungserfüllten Zeit beschäftigt:
Goethe in seinem „Egmont", Schiller in seiner meisterhaften „Geschichte des Abfalls der Niederlande".
Freilich, vom anonymen Volk erfahren wir aus jenen Werken nichts. Wir erfahren es aber aus den Bildern
Pieter Bruegels, in denen uns das Volk jener Tage in einer Fülle sachlich treuer Porträts entgegentritt. Wir
lernen seinen Glauben und Aberglauben kennen, die Weisheit und Anschaulichkeit seiner Sprichwörter, die
Spiele seiner Kinder, das Leben und Treiben bei Tanz und Hochzeit, die Not der Blinden und Krüppel,
die Arbeit des Bauern im Wechsel der Jahreszeiten. Und weil solche unbefangenen Schilderungen gerade
aus dem Leben des Volkes damals etwas ganz Außergewöhnliches waren, hat man Pieter Bruegel, den
größten niederländischen Maler des 16. Jahrhunderts, auch den „Bauern-Bruegel" genannt.
Die Niederlande nehmen in der Geschichte der europäischen Malerei eine Sonderstellung ein. Als um
1420 in Italien ein neues Weltbild das mittelalterliche abzulösen begann, da waren die übrigen Länder
Europas noch tief in mittelalterlich:r Anschauungs- und Gestaltungsweise befanden. Nur die nieder-
ländische Malerei hat unter Führung der Brüder van Eyck mit ähnlicher Kühnheit wie die italienische
neue Möglichkeiten der wirklichkeitsnahen Erfassung der Welt und des Menschen erschlossen. Um 1500
trat diese „altniederländische" Malerei in eine Krise ein: ihre Kraft und Originalität ließen nach, und der
um diese Zeit in allen Ländern diesseits der Alpen übermächtig werdende Einfluß der italienischen Kunst
brachte ihr Unsicherheit, Verwirrung und einen Bruch mit der Überlieferung des 15. Jahihunderts,
dessen stille und großartige Andachtswelt versank. Rom wurde maßgebend, und antike Geschichte und
Mythologie hielten ihren Einzug in die Darstellungswelt des niederländischen Malers. Es war, als ob
zur politischen Fremdherrschaft damals auch eine künstlerische Fremdherrschaft kommen mußte, wenn
auch noch bedeutende Talente am Werke waren. Mit Pieter Bruegel fand die altniederländische Malerei
ihren Abschluß, indem sie sich in der Person dieses genialen Meisters nochmals zu höchster Höhe erhob.
Wann und wo Pieter Bruegel (so schrieb er seinen Namen in den letzten 10 Jahren seines Lebens,
zuvor Brüeghel, während die Schreibweise Breughel erst nach seinem Tode aufkam) geboren ist, wissen
wir nicht genau. Als Geburtsort wird das Dorf Breughel bei Breda genannt, dessen Name der Künstler
dann angenommen haben soll. Da es aber mehrere Dörfer dieses Namens gibt und keines in der Nähe
von Breda, ist uns mit jener Angabe wenig gedient. Sein Geburtsjahr wird zwischen 1525 und 1530
liegen. Der Kunsthistoriograph Carel van Mander, dem wir die Grundlage unserer Kenntnis der nieder-
ländischen Malerei des 16. Jahrhunderts verdanken, gibt als Lehrer Bruegels Pieter Coeck an, der in
Antwerpen eine Werkstatt unterhielt, aber 1544 nach Brüssel übersiedelte. Bruegel blieb jedoch in
Antwerpen und wurde hier 1551 Meister. Irgendeine Einwirkung Coecks auf die Kunst Bruegels vermögen
wir nicht festzustellen, dagegen muß er früh einen nachhaltigen Eindruck von der phantastischen Bildwelt
des in manchem ihm kongenialen Hieronymus Bosch erfahren haben. 1552/53 wanderte Bruegel durch
Frankreich nach Italien. Einige unterwegs entstandene, datierte Zeichnungen und nach solchen gefertigte
Stiche lassen als Etappen seines Reisewegs Vienne in Südfrankreich, Rom und Messina erkennen. Mit
dieser Reise war Bruegel dem Zuge gefolgt, den so viele nordische Maler nach Italien angetreten hatten,
dem gelobten Lande großer Kunst; aber Bruegel wurde nicht zum „Romanisten", sondern blieb der
angestammten Weise treu. Die Größe der Alpenwelt hat tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wie aus
zahlreichen Zeichnungen zu ersehen ist.
Wieder nach Antwerpen zurückgekehrt, scheint Bruegel zunächst wenig gemalt zu haben, denn der
etwa 25 jährige befand sich zweifellos in einer Lage, in der sich so viele andere junge Künstler zu allen