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ERSTES KAPITEL
IVarum ich diese meine Bekenntnisse geschrieben habe. — Meine Kindheil auf der berühmten Burg Fratta, deren Küche samt den Herren, Dienern, Gästen und Katzen, die um das Jahr 1780 dort hausten. — Die ersten Personen treten auf; auch werden hie und da weise Betrachtungen angestellt über die Republik Venedig, über die bürgerlichen und militärischen Ordnungen der damaligen Zeit und was das Wort .Vaterland' in Italien gegen Ende des verflossenen Jahrhunderts für eine Bedeutung
hatte.
Am Tage des Evangelisten Lukas, am i8. Oktober des Jahres 1775, kam ich als Venezianer zur Welt, und ich werde, so Gott will, als Italiener sterben, wann es der Vorsehung, die die Welt geheimnisvoll regiert, gefällt.
Hier nun weise ich euch, liebe Leser, den Sinn, den ich in meinem Leben gefunden. Und da nicht ich ihm diesen Sinn gab, sondern die Zeit, so fiel mir ein, daß, wenn ich diese Wirkung der Zeit auf das Leben eines Menschen freimütig beschriebe, solches für diejeiugen von Nutzen sein könnte, die nun die Folgen der von mir durchlebten Zeiten zu tragen haben.
Mehr als achtzig Jahre zähle ich, da ich mein Leben niederschreibe, doch das Herz ist wohl jünger als je in der Wirrnis der Jugend und in den aufreibenden Kämpfen des Mannesalters. Ich habe viel erlebt und erlitten; aber es sind mir auch jene Tröstungen nie entschwunden, die, oft nicht erkannt, inmitten aller Bedrängnisse den Geist in die Stille des Friedens und der Hoffnung erheben. Nur sie haben bewirken köimen, daß mich kein widriges Geschick zu überwältigen vermochte. Ich meine solche Gefühle und Ansichten, die die äußeren Ereigiüsse, statt sich nach ihnen zu richten, zum Schauplatz innerer, harter Kämpfe machen und diese sieghaft bestehen. Meine Natur und mein Charakter, die erste Erziehung und die Taten und Schicksale, die daraus erwuchsen, waren gut und böse, wie alles im Leben gut und böse ist; und klänge es nicht übertrieben, so könnte ich hinzufügen: in meinem anspruchslosen Dasein überwog das Böse das Gute. Doch all das würde nicht ungewöhnlich sein oder wert, erzählt zu werden, wäre nicht mein Leben eingebettet in jene zwei Jahrhunderte, die, zumal in der italienischen Geschichte, für lange Zeit höchst bemerkenswert bleiben werden. Denn damals trugen die politischen Spekulationen, die in den Jahren 1300 bis 1700 die Werke von Dante, Machia-vell, Vico und viele, die meiner bescheidenen Kultur und literarischen Kennmis nicht geläufig sind, durchziehen, zum erstenmal üppige Frucht. Der Umstand, mancher würde sagen das Unglück, in diesen