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Einführung
Manfred Baumgärtel
Manfred Baumgärtel, Hauptgeschäflsßhrer der Hanns-Seidel-Stiftung.
Unter Wissenschaftlern und Pädagogen herrscht mehrheitlich die Überzeugung, daß Gewalt und Aggression von Kindern und Jugendlichen gegenüber anderen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Vergleich zu früheren Jahren und Jahrzehnten nicht häufiger geworden ist. Es wird jedoch festgestellt, daß offene Gewalt heute bereits in früheren Lebensaltersstufen einsetzt, und daß sie an Brutalität und Hemmungslosigkeit zugenommen hat. Aggression manifestiert sich unerwartet und beliebig an zufällig anwesenden Opfern. Zerstörerische Gewalt wird nicht zur Erreichung be-
stimmter Ziele eingesetzt, sondern explodiert unvorhersagbar und wird manchmal zum bloßen Spaß oder zum Selbstgenuß einer von allen Bindungen losgelösten Freiheit ausgeübt.
Kindern und Jugendlichen scheint mitunter das ihnen angeborene Vermögen, sich in den Schmerz anderer Menschen hineinzufühlen, verlorengegangen zu sein. Verhaltensregeln der Aggressionsdosierung und Aggressionshemmung wurden in der Erziehung nicht ausreichend eingeübt, die „innere Polizei", d.h. das Gewissen, hat häufig seine verhaltenssteuernde Kraft verloren. Die geringe Ausbildung dieser „inneren Polizei" (des Gewissens, der Moral) wird gelegentlich darauf zurückgeführt, daß die ursprünglichen Autoritäten wie Eltern, Lehrer, Priester, Meister oder Ausbilder durch den Einfluß der Medien (der sogenannten „geheimen Miterzieher") geschwächt worden seien.
Eine wirklich tragfähige Analyse der Genese der zunehmenden „Gewaltbereitschaft" und Aggressionsenthemmung bei Kindern und Jugendlichen ist jedoch sicherlich komplex. Es ist wohl allzu einfach, diese besorgniserregende Entwicklung auf die Medien oder den sichtbar gewordenen gesell-
Politische Studien, Heft 337, 45. Jahrgang, September/Oktober 1994