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Schöner scheitern: Runter kommen wir immer
Es ist nocli nicht lange her, da lockten so genannte Motivationstrainer Zehntausende in die KongresshaUen des Landes und zelebrierten aufwändige Du-kannst-es-schaffen-du-musst-nur-wol-len!-Shows, Feuerlaufen und Eisenstangenbiegen inklusive. „Tschakka!", schrie ein verrückter Holländer, aber jetzt ist es plötzlich still, sehr still um die Erfolgsprediger geworden. Die Selbstauf-putschung, in der sie ihre Kundschaft unterwiesen, trug diese ohnehin meist nur bis zum Ende der Veranstaltung. Einige der Gurus sitzen nun ein oder tragen Schuldenberge ab. Die Sirapelvariante der ka-pitahstischen Erfolgsreligion ist fast vom Markt verschwunden.
Das psychosoziale KUma in diesem Land wird heute weniger von utopischer Hoffnung auf den großen persönlichen Durchbruch als von Ernüchterung bestimmt. Die vielen Möglichkeiten des Scheiterns erscheinen plastischer vor unserem Auge. Täglich sind sie in all ihren Formen zu besichtigen: Im großen Stil führt das die Ministerriege von Eichel bis Stolpe („Die Maut kommt!") vor; die Fleitiers der Wirtschaft, von Kirch bis Esser, schweben im golden parachute herunter, Konkurse und Liquidationen erreichen Rekordziffern, und die Scheidungsquote illustriert die privaten Schiffbrüche. Wir gewinnen dem Scheitern sogar schon eine unterhaltsame Seite ab: Da fließen Tränenbäche der Möchtegern-Superstars, die aus den Castingshows herausgekegeh werden, und die Feuilletons entdecken den austerity chic oder die „Kunst, stilvoll zu verarmen". Das deutsche Leitmotiv im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts heißt: Pleiten, Pech und Pannen. Ein Land, ins Misslingen verhebt?
Unsinn. Scheitern ist der Normalfall in einer erfolgsbesessenen Gesellschaft, für die das Erreichen eines Maximalzieles der Maßstab für den Erfolg ist und unverschuldete Arbeitslosigkeit immer noch als individuelles Versagen gilt. Hochgesteckte Ziele werden
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ir Erfolg haben. Die Katzen müssen noch daiu scheitern."
häufiger nicht erreicht als erreicht. Die Ressource Erfolg ist äußerst begrenzt, das liegt in der Natur der Sache.
Der Mythos des Aufstiegs dominierte die letzten 50 Jahre. Die vertikale Mobilität war das große Versprechen des rheinischen Kapitalismus: Mit einigen Sekundärtugenden wie Fleiß und Sparsamkeit oder später, in der so genannten „New Economy", auch mit Tricks und Präsentationstechniken ließ sich etwas erreichen.
Vorbei. Heute werden selbst bescheidenere Erfolgsdefinitionen infrage gestellt, und die Mittelschicht, der das Aufstiegsdenken mit der Muttermilch eingeflößt worden war, wird kräftig gerupft und durchgerüttelt. Sie erlebt am eigenen Leibe, wie sich der rheinische wieder zum reinen Kapitalismus zurückverwandelt.
Das Bürgertum kannte seit seinen Anfängen die -literarisch ergiebige - Figur der „gescheiterten Existenz", und die Boheme brachte ihre artistes manques hervor: Menschen mit dem Makel, ein zentrales Projekt ihres Lebens nicht verwirklicht oder einen Niedergang eingeleitet zu haben. Von den Buddenbrooks zu Berti Vogts: Der Wille zum Erfolg war nie genug.
Leiden macht introspektiv, meinte der italienische Dramatiker Luigi Pirandello, und Scheitern kann die Selbsterkenntnis befördern: Die Fragen nach falschen Zielen, ungeeigneten Mitteln, aber auch nach der eigenen Unzulänglichkeit sind, wenn wir uns ihnen stellen, sehr lehrreich. „Hast du jemals etwas so schön zusammenbrechen sehen?" fragt Alexis Sor-bas seinen englischen Freund Basil, als die gerade gebaute Seilbahn in einer spektakulären Kettenreaktion umknickt. Sorbas erhob das Scheitern zur Kunstform. Grandios zu verlieren, mit fliegenden Fahnen unterzugehen - das verschafft immerhin den Trost: Ich habe es versucht. Und das ist allemal besser als Mitlaufen im grauen Mittelmaß.
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PSYCHOLOGIE HEUTE lANUAR 2004