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Die ersten Jahre in Urbino
2 Entumrfzur Pala Btjronci. um 1500-1501 Schwarte Kreide und Meiallstift, quadriert, 39,4 X 24,8 cm
Cabinet des dessins, Inv. PI. 474, Musée des Beaux-Ans, Lille
Der Originalentwurf überliefere Raffaels erstes dokumen-üenes Altarbild, das heute nur fragmentarisch erhalten ist. Oben krönen Maria, Gotn-ater und der Hl. Augustinus den unten stehenden HL Nikolaus von Tolentino, der den Teufel zertritt. Junge Männer standen Modell für die Figuren, die Raffael in dieser »Gaizonezeichnung" in engen Gewandern studierte.
Als RafTae! am Karfreitag des Jahres 1520 im Alter von nur 37 Jahren starb, weince selbst der Papst. Von dieser außergewöhnlichen Reaktion berichtet uns Giorgio Vasari, der Raffael in seinen 1550 erschienenen Biographien der bedeutendsten Künstler, den sogenannten Viten, einen »sterblichen Gott« nannte. Alles, was ein Künstler der italienischen Renaissance erstreben konnte, hatte der aus Urbino stammende Raffael erreicht: Er war nicht nur einer der gefragtesten Künstler bei der Ausgestaltung des Vatikans, sondern bediente mit seinen Tafelgemälden die wichtigsten europäischen Auftraggeber, schuf monumentale Freskenzyklen und beaufsichtigte als leitender Architekt den Bau von St. Peter, dem bedeutendsten Dombauprojekt der Christenheit. Darüber hinaus machte sich Raffael die Inventarisierung und Erhaltung der antiken Denkmäler Roms zur Aufgabe und muß deshalb als einer der ersten Denk-malpfleger im modernen Sinne gewürdigt werden.
Raffaels steile Karriere begann nicht erst in Rom, sondern in Urbino, wo ersieh in einem idealen Umfeld profilieren konnte. Am 6. April 1483 wurde er als Sohn von Mágia di Battista Ciarla und Giovanni Santi in Urbino geboren. Der Vater war Maler und Dichter am Hof von Federico da Montefeltre, einem der berühmtesten Herzöge und Kunstmäzene im Italien der Frührenaissance. Als dieser 1482 starb, beerbte ihn sein Sohn Guidobal-do, unter dem Giovanni Santi bis zu seinem Tod im Jahre 1494 als Hofmaler einen beachdicheii Aufstieg erlebte. Vasari beurteilte Raffaels Vater zwar nicht als ausgezeichneten Maler, aber doch als »Mann von gutem Verstand«. Er berichtet, Raffael habe schon früh in San-tis Werkstatt mitgeholfen. Obwohl Vasaris Darstellung eher episodenhaft ausfällt, so daß der dokumentarische Wert der »Viten« immer zu hinterfragen ist, lernte Raffael in der Werkstatt des Vaters vermudich die handwerklichen Grundlagen der Kunst kennen. Dafür spricht auch, daß sein erster überlieferter Auftrag für ein Altarbild aus dem Jahre 1500 Evangelista da Piani Melero als Mitarbeiter erwähnt, der 1483 als »famulus« zu Santis Werkstatt gehörte. Zudem ist Evangelista als Zeuge belegt, als am 29. Juli 1494 das Testament von Giovanni Santi verlesen wurde.
Unklar ist nach wie vor, wo Raffael seine weitere Ausbildung erfuhr. Vasari berichtet, Giovanni Santi habe
den begabten Sohn zu Pietro Perugino in die Lehre gegeben. Doch ist Raffael in verschiedenen Quellen bis
1499 in Urbino nachweisbar, während Perugino in dieser Zeit eine Werkstatt in Perugia leitete und auch in Florenz und Rom arbeitete. Nach 1500 war der mittlerweile siebzehnjährige Raffael vermutlich nicht mehr als Gehilfe angestellt. In dem oben erwähnten, auf den 10. Dezember 1500 datierten Vertrag, das Altarbild für die Kapelle von Andrea Baronci in Sant'Agosrino in Gitta di Castello betreffend, einer kleinen Stadt in der Nähe von Urbino, wird Raffael bereits als »magister«, also als Meister angeführt. Auch die Versuche, mittels stilkritischer Untersuchungen Spuren von Raffaels Hand in den Werken von Perugino festzumachen, sind umstritten. Erst Raffaels Werke aus der Zeit um 1502 -03, wie die Londoner Kreiizigung{M!oh. 6), sind aufs engste mit Perugino verwandt. Deshalb erscheint es plausibel, Raffaels Zusammenarbeit mit Perugino erst für die Zeit nach
1500 anzunehmen.
Im Vergleich zu anderen frühen Werken Raffaels sind wir über die Pida Barottci {Aloh. 2-4) gut unterrichtet, da neben dem Auftrag auch ein Zahlungsbeleg vom 13. September 1501 erhalten ist. Gewidmet ist das Altarbild Nikolaus von Tolentino, dem erst 1446 kanonisierten Augustinereremiten, dessen Kult um 1500 insbesondere in Gitta di Castello eine frühe Blüte edebte. Der Altar wurde 1789 durch ein Erdbeben stark beschädigt. Die erhalten gebliebenen Teile werden seit 1849 in verschiedenen Sammlungen aufbewahrt. Raffaels Entwurfszeichnung (Abb. 2) vermittelt uns eine Vorstellung von der Gesamtkomposition, die in zwei Zonen gegliedert war. Dieser Aufbau beschäftigte Raffael immer wieder, und noch in Rom bot er mit der Ma-donm di Foliguo (Abb. 102) einen weiteren Lösungs-vorschlagan. In dem frühen Werk sind die Figuren noch isoliert, der Bildraum als kontinuierliches Ganzes ist noch kein Thema. In den beiden erhaltenen Engelfrag-menten wird jedoch bereits Raffaels Gespür für die Psychologisierung der Figuren erkennbar, denn ganz offensichtlich soll der Pariser Engel (Abb. 3) leidenschaftlich ergriffen wirken: Der kräftige Kopf blickt in überraschender Verkürzung nach oben. Die Augäpfel treten hervor, das Haar fliegt nach hinten, die Lippen sind ehrfürchtig geöffnet. Der Engel in Brescia (Abb. 4)