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Erinnerungen in vier Kontinenten 1 5
Reformation weltweit - mehr als ein Luthergedenken
Seit Jahrhunderten wird der Thesenanschlag Martin Luthers an die Wittenberger Schlosskirche am 31. Oktober 1517 als Auslöser der Reformation gesehen und die Erinnerung daran mit teilweise opulenten Festlichkeiten gepflegt. Dies gilt zumindest für die deutschen evangelisch geprägten Landstriche und für Teile Skandinaviens. Ausprägungen und Schwerpunkte dieser Feiern aus Anlass runder Jahrestage veränderten sich. Besonders die Jahrhundertjubiläen waren von den jeweiligen politischen Umständen abhängig und wurden nicht selten (kirchen)politisch instrumentalisiert. Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges 1617 stilisierten deutsche Protestanten Luther triumphal zum „neuen Moses", dem Künder der neuen wahren Lehre. Antikatholisch wurde auch 1717 die Befreiung vom „römischen Joch" und vom Irrtum der katholischen Kirche hervorgehoben und das eigene evangelische Profil geschärft. Das 19. Jahrhundert sah in Luther zunächst den Aufklärer. Dieses Bild erweiterte sich nach den napoleonischen Kriegen insbesondere anlässlich Luthers 400. Geburtstags 1883 zu dem des „deutschen" Luther - eine Vorstellung, die auch 1917 im Ersten Weltkrieg vorherrschte. 2017 sollen diese konfessionellen und auch nationalen Verengungen früherer Jubiläumsfeierlichkeiten überwunden werden. Das zeigt schon die mehrjährige Vorbereitungszelt, In der besondere inhaltliche Schwerpunkte gesetzt wurden, die 2009 auch Calvins 500. Geburtstag umfassten oder sich der weltweiten Verantwortung der Kirche mit dem Thema der „Einen Welt" widmeten, Ebenso sprach sich der Deutsche Bundestag dafür aus, „die historische Bedeutung der Reformation als gesellschaftliches, kulturelles und religiöses Ereignis für Deutschland, Europa und die Welt in besonderer Form zu würdigen". Dabei wurde vor allem auf die Außenwirkung Deutschlands Wert gelegt.
Die Wahrnehmungen der reformatorisehen Aufbrüche des 15. bis 17. Jahrhunderts in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern spielt dabei höchstens eine untergeordnete Rolle. Sie sind Gegenstand des vorliegenden Bandes. Er will klären, wie in den jeweiligen Ländern 500 Jahre später über die Nachwirkungen der religiösen Erneuerungsbewegungen des späten Mittelalters und der frühen Neuzelt diskutiert wird. Dargestellt wird, ob es Feierlichkeiten aus Anlass der 500. Wiederkehr des Beginns der Reformation in Deutschland gibt oder ob andere Richtungen reformatorischer Erneuerung als bestimmend betrachtet werden. Aufschlussreich sind in erster Linie die Schwerpunkte, die in den verschiedenen Ländern gesetzt werden. Besonders berücksichtigt wird die Verbindung von Religion und Politik - sowohl historisch als auch in der gegenwärtigen Aufbereitung der Geschichte. Ein weiterer Aspekt zielt auf die Träger von Festlichkeiten: Sehen sich nur die Kirchen in der Pflicht oder fühlen sich angesichts der Auswirkungen auf das öffentliche Leben auch politische und gesellschaftliche Kreise aufgerufen, Veranstaltungen auszurichten oder zu unterstützen? Schließlich geht es um die öffentliche Wahrnehmung religionspolitisch relevanten Gedenkens einschließlich der damit verbundenen Absichten und Ziele, wie sie sich in Diskussionen über Anstöße zur Entwicklung des Freiheitsbegriffs und zu Grundlagen des Staatsverständnisses sowie zu Impulsen zur Bildung äußern können.