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Uwe George - Regenwald [antikvár]

Regenwald [antikvár]

Uwe George

 
Als ich vor vielen Jahren auf Borneo zum erstenmal einen tropischen Regenwald betrat, war so ziemlich alles anders, als ich es mir immer vorgestellt hatte. Der Wald ist weder undurchdringlich, noch ist ein ohrenbetäubendes Brüllen oder Kreischen im Laub verborgener Kreaturen zu hören. Die Pflanzenmasse schluckt alle Geräusche und läßt sie nicht über eine große Entfernung dringen. Der Unterwuchs ist licht und leicht zu passieren, sieht man einmal ab von den Stachel- und hakenbewehrten Trieben kletternder Pflanzen, welche die Bäume...
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Als ich vor vielen Jahren auf Borneo zum erstenmal einen tropischen Regenwald betrat, war so ziemlich alles anders, als ich es mir immer vorgestellt hatte. Der Wald ist weder undurchdringlich, noch ist ein ohrenbetäubendes Brüllen oder Kreischen im Laub verborgener Kreaturen zu hören. Die Pflanzenmasse schluckt alle Geräusche und läßt sie nicht über eine große Entfernung dringen. Der Unterwuchs ist licht und leicht zu passieren, sieht man einmal ab von den Stachel- und hakenbewehrten Trieben kletternder Pflanzen, welche die Bäume als eine Art Leiter benutzen, um nach oben ans Licht zu gelangen und an denen ich mir anfangs Kleidung und Haut aufreiße, bis ich gelernt habe, ihnen auszuweichen. Die säulenartigen Stämme der großen Bäume, die sich nach oben kaum verjüngen und erst in vierzig Metern Höhe ihre untersten Äste treiben, und das Dämmerlicht am Grunde des Waldes verleihen mir das Gefühl, mich im Inneren einer gewaltigen, aus Holz erbauten Kathedrale aufzuhalten. So sehr hat sich mein Auge auf die Dunkelheit eingestellt, daß es die wenigen Lichtstrahlen, die durch kleine Lücken in der Kuppel des grünen Domes wie durch Fenster hinab zu mir ins Innere des Waldes dringen, als schmerzhafte Blendung empfindet. Die dünne Laubschicht, die einen sandigen, lehmigen Boden kaum verbirgt, steht in einem Mißverhältnis zu der tonnenschweren Blattmasse hoch über mir. Die sicherlich mehr als dreißig Grad warme Luft ist so feucht, daß ich sie fast wie eine Flüssigkeit empfinde. Schon nach einer halben Stunde ist mein ganzer Körper schweißgebadet. Da der Schweiß in einer derart dampfgesättigten Luft nicht mehr durch Verdunstung kühlen kann, fühle ich mich bald überhitzt und bin deshalb gezwungen, langsam zu gehen und Pausen einzulegen. Wind, der kühlen könnte, gelangt nicht ins Innere dieses Waldes. Die Luft steht. Nichts von dem frischen Hauch eines heimatlichen, mitteleuropäischen Laubwaldes. Es riecht nach Moder, Fäulnis, süßlich schwer und aufdringlich. Sobald ich stehenbleibe bin ich wie in einer Hülle gefangen in meinem eigenen Körpergeruch, Die einzige Blüte, die ich entdecke, rot und seltsam blattlos, riecht wie verwesendes Fleisch und ist bedeckt von schwarzen Fliegen und Käfern. Ich kämpfe mit aufsteigendem Brechreiz. Mitten am Tag wird es plötzlich noch dunkler um mich herum. Die Lichter in den Blattfenstern erlöschen. Ein seltsames, gedämpftes Grollen kündigt ein Gewitter an, dessen Blitze mir jedoch verborgen bleiben. Ich höre, wie der Regen fünfzig Meter über mir auf das Blätterdach prasselt, aber ich warte vergebens auf eine erfrischende Dusche. Hoch über mir wird das Elixier, das diesen Wald am Leben erhält wie das Licht, von der Blattmasse wie von einem Schwamm aufgesogen. Eine lange Zeit vergeht, bis es an den Stämmen herabläuft, unten aus dem übervollen Schwamm heraustropft und zu den Wurzeln versickert. Doch der Regen bringt meiner ohnehin schon nassen Haut keinerlei Kühlung. Im Gegenteil: Er transportiert die Hitze der tropischen Sonne vom Blätterdach ins Innere des Waldes, das wie eine Waschküche zu dampfen beginnt. Feuchtigkeit und Wärme scheinen sich durch den hellen Hochzeitsgesang von Zikaden, irgendwo verborgen im Labyrinth von Zweigen und Blättern, noch zu steigern. Der Laut ist so dominant und monoton, daß ich nur ein rhythmisches Auf- und Abschwellen in ihm zu hören glaube. Und er ist auf merkwürdige Weise geeignet, Platzangst hervorzurufen. Für einen Moment überfällt mich das Gefühl der Ausweglosigkeit. Ich habe Angst, aus diesem grünen Hades nie wieder herauszufinden. In dieser Umgebung scheint sich kein Ziel abzuzeichnen. Man weiß nie, wohin rnan geht, hat nie einen Ausblick, einen Überblick, einen Orientierungspunkt. Der Himmel existiert nur noch quadratzentimeter-weise. Durch diesen Wald könnte ich Hunderte von Kilometern gehen, ohne etwas anderes zu sehen.

Termékadatok

Cím: Regenwald [antikvár]
Szerző: Uwe George
Kiadó: GEO im Verlag
Kötés: Vászon
ISBN: 3570045722
Méret: 210 mm x 290 mm
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