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Zwei Leben
Das Leben ein böser Traum - der Traum das eigentliche Leben
Ruhe gab es im Leben dieses Mannes kaum — Richard Wagners Biographie ist die Geschichte eines Umgetriebenen, eines Entwurzelten, eines Flüchtigen, eines Asylanten, eines Fremden. Wenige Male nur ist er für längere Zeit seßhaft, kann er ein Heim sein eigen nennen: abgesehen von den Jugendjahren etwa in seiner Dresdner Kapellmeisterzeit oder gegen Lebensende in Tribschen und dann in Bayreuth. Aber auch diese auf den ersten Blick sicheren Phasen sind unter dem Deckmantel wohlgestalter Erscheinung von innerer Unruhe erfüllt, von Verunsicherung und zunehmender Destruktion. Der ersten Freude über den erreichten »sicheren Port« folgen bald Ernüchterung und immer offener zutage tretende Entfremdung in neu eingegangenen Beziehungen. Der Tod in Venedig ist keine zufällige Lokalisation; hier hat Wagner ihn — mehr oder weniger bewußt wohl — erwartet und gesucht, nicht in Deutschland, denn dieses war ihm nicht Heimat, konnte es nicht sein; er fand den Tod in der fremden Ferne, die ihm flüchtige, doch aber gezielt gewählte und letzte Heimstatt bedeutete. Der Ort des Todes — Venedig, vom Meer umgeben, vom Wasser durchzogen, eine fast irreale Welt zwischen den irdischen Elementen — offenbart den Riß im Leben als unüberbrückbar: zwei Leben hatte Wagner zu leben, ein reales der unablässig aufeinander folgenden persönlichen und sozialen Katastrophen und ein zweites, geträumtes, musikalisches, das über das kunstvoll-phantastische Spiel des Theaters mit seiner bewegenden Dramatik und seinen überraschenden Verwandlungen ein erlösend Anderes aufschimmern ließ. Das von Grillparzer mit »Das Leben, ein Traum« (eine Calderön-Adaption) literarisch geformte Biedermeier-Motiv der geistigen Beschränkung im Althergebrachten, des rückwärts träumenden Ausweichens vor der Gegenwart wird bei Wagner umgekehrt: gemütvolle Romantik bricht auf, sie zielt mit revolutionärem Ungestüm in eine erahnte, erträumte Zukunft — der Traum wird nun zum eigentlichen Leben. Das Pendeln zwischen Realität und erträumter Idealität durchzieht wie ein Leitthema Wagners Künstlerbiographie. Kindheit und Jugendjahre einmal ausgenommen, prägt sich deutlich eine erste Phase des Bewußtseins über diese immer stärker klaffende Diskrepanz in den 30er Jahren aus und zieht sich bis in die Züricher Zeit hin. Es sind Jahre wachsenden Erschreckens über diese Kluft und der immer wiederholten Versuche, sie doch im Sinne eines Einswerdens mit der Realität (die allerdings auch durch revolutionären Umsturz zu verändern sei) zu überwinden. »Ist denn nicht vielleicht Alles nur ein böser Traum, — ist mein Leben ein böser Traum, oder sind meine Träume mein eigentliches Leben.« — So heißt es am 18.6. 1836 in einem Brief Wagners an seine Frau Minna; er befindet sich in völliger Ungewißheit über seine weitere Zukunft. Aber auch die spätere lukrative Stellung in Dresden läßt ihn über seine wahre Situa-
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