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Die Alpträume von 1813
Am 22. Mai i8i 3, es war ein Sonnabend, sciirieb Goethe in Teplitz ein Gedicht, das Generationen als Kinderschreck dienen sollte: »Die wandelnde Glocke«. Die Ballade erzählt von einem Kind, das sich nie zur Kirche bequemen will, sondern ins Feld entwischt. Die Mutter warnt, die Glocke werde das Kind holen, das Kind dagegen glaubt, die Mutter habe gefackelt, doch welch ein Schreck: die Glocke kommt gewak-kelt! Das Kind läuft wie im Traum und fürchtet, die Glocke werde es zudecken; da kehrt es im letzten Augenblick um, Rettung, aber der Schock bleibt fürs Leben. So verursachte der große Alte, der das vom Krieg bedrohte, unsichere Weimar verlassen hatte, noch lange den Kindern Alpdrücken, als hätten sie das in einer Welt voll läutender Sturmglocken nötig gehabt.
Leipzig, am 22. Mai 1813. Ein Kriegskind wurde geboren. Und wäre es nicht dieser Ort, nicht diese Konstellation von Zeit und Umständen, man könnte über Ahnen und Eltern kurz zum Tage übergehen, dem Kind seinen Namen geben und die gewöhnlich ereignislosen ersten drei bis vier Jahre, von denen der Mensch ohnehin keine Erinnerung hat, rasch hinter sich bringen. Nicht so hier. Denn dieses Leben, das Leben Richard Wagners, verlief nicht neben der Geschichte her, sondern war von Anfang an so sehr in sie verflochten, daß man die Wechselwirkungen genau verfolgen muß, als sei Wagners Lebensdrama das Drama des Jahrhunderts. Leicht hat es der Musiker, der die auf Riesenmaße angelegte Erzählung mit einem Orchestervorspiel eröffnen dürfte, in dem alle Motive der Zeit und der Figur miteinander verwoben wären: Aufschwünge und Schrecken, Erhabenes und Haarsträubendes, dröhnende Turbulenz und Oasen selbstergriffener Stille, Geist und Geld, Leiden, Größe und Getöse. Von nichts verschont, in alles verwickelt, wurde Richard Wagner zur umstrittensten Vielgenanntheit, verrätselt wie das Jahrhundert, das die Voraussetzungen unserer eignen Katastrophen enthält. Vorhang auf. Ausfahrt - doch welche Reise erwartet uns?
Niemals folgen dem Sturm Meeresstille und glückliche Fahrt, die Nebel teilen sich selten, Pulverdampf, von Leipzig über Solferino bis
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