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DER STUMME RATSHERR
In die Ratssitzung einer Reichsstadt Hunde mitzubringen, war im Mittelalter gerade nicht der Brauch. Nun geschah es aber doch einmal, daß ein Hund fast sieben Jahre lang Sitz - wenn auch nicht Stimme - in einem reichsstädtischen Rate erhielt. Das kam so:
Gerhard Richwin, Bürger und Wollenweber in Wetzlar, war ein reicher Mann, weil sein Vater ihm ein großes Vermögen hinterlassen hatte. Der Sohn praßte und vergeudete, und wenn er's noch zehn Jahre so fort trieb, so war er bis dahin vermutlich aus dem reichen der arme Richwin geworden. In der Lahngasse, eng gepackt zwischen andere hochgiebelige Häuser, stand Richwins Haus, ein stattlicher Holzbau, erst vor zehn Jahren von Grund aus neu aufgeführt, wie die Jahrzahl - 1358 - über der großen Tür bezeugte. Durch diese Tür trat man in die Verkaufshalle; denn Richwin handelte nicht bloß mit selbstgewebter Ware, sondern mehr noch mit fremden Zeugen. Er würde zur Kaufmannsgilde gezählt haben, wenn es eine in Wetzlar gegeben hätte. So aber gehörte er zur vornehmsten Zunft, zu den Wollenwebem, und innerhalb dieser zu einem kleinen vornehmen Kreise, den sogenannten „flandrischen Zunftgenossen", vom Verkauf der kostbaren flandrischen Tücher also benannt; unter den vornehmen „Flandrischen" aber war Richwin wiederum der reichste und vornehmste, und es dünkte ihm, er sei doch fast um den Kopf über die
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