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ERSTES KAPITEL
BAROCK
I.
Wie geologische Schichten stehen die verschiedensten Überreste von Bauwerken in Rom nebeneinander. Neben prähistorischen Mauern und gewaltigen Ruinen aus der Kaiserzeit, die Bankhäuser und Denkmäler der Gegenwart. Jeden, der zum erstenmal durch die Strassen der ewigen Stadt geht, überraschen Überreste einer sonderbaren, mit der klassischen Tradition nicht im Einklang stehenden Architektur: Kirchen mit vorkragenden Gesimsen, auf denen pausbäckige Engelchen sitzen, Kapellen mit schneckenförmigen Ornamenten und seltsam phantastischen Kartuschen, Paläste mit gigantischen Karyatiden, die als Stützen dienen; an Stelle feingliedriger Rankenornamente Vasen, die mit Platten und Laubwerk übersponnen sind, l^rachen, Löwen, Bienen, Sterne und Sonnen; kurz, es sind kühne, phantastische Einfälle, die weit über das Gebundene und Strenge der römischen und Renaissance-Architektur hinausgehen. Was jenen Gebäuden eignet, ist nicht schöpferische Kraft, sondern überströmende Phantasie, es ist das Überquellende ihrer eigentümlichen Gestaltung, das „Andere", das wir immerhin Barock nennen mögen. Immer wieder finden wir an diesen Gebäuden etwas, das über die bekannten Architekturstile hinausgeht.
Im Zeichen des Barock stand nicht Rom allein; es ist über ganz Italien verbreitet, in Venedig, Genua, Mailand zu verfolgen, hat in schnellem Lauf die Alpen überschritten, in Salzburg, Würzburg, Dresden, Krakau, Lemberg, Warschau eine Heimstätte gefunden, und selbst verlorenen, kleinen Dorfkirchen sein Zeichen aufgeprägt. Ein stürmischer, launischer Genius ist über die Mauern hingefegt, hat ihnen seine charakteristischen Formen aufgedrückt; zuweilen wirken sie heiter, manchmal Rom II I