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VORWORT
Roter Nachrichtensoldat, so lautet die Übersetzung der fünf chinesischen Schriftzeichen auf der Armbinde, die Li Zhensheng und seine Rebellengruppe Ende 1966, acht Monate nach dem Ausbruch der Großen Proletarischen Kulturrevolution, in Peking erhielten.
Mao Tse-tung und seine Kulturrevolution w/urden im Westen lange Zeit mit Staunen und Faszination - nur sehr selten mit Entsetzen - »wahrgenommen. Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre waren aufrührerische Studenten auf der ganzen Welt vom Stil der Roten Garden mit ihren Schuldzuweisungen und Parolen beeindruckt, und Andy Warhol produzierte in New York seine Siebdrucke von Mao, dem „Großen Steuermann". Verglichen mit der Berichterstattung über die heutige chinesische Gesellschaft, wird das Chaos dieser Periode nach wie vor in romantisierender und idealisierender Weise dargestellt.
Gerade deshalb war es an der Zeit, ein klareres und wahrheitsgetreueres Bild jenes Aufruhrs zu vermitteln, der während der Kulturrevolution in China das Unterste zuoberst kehrte. Li Zhenshengs außergewöhnliches fotografisches Vermächtnis bringt diese Wahrheit schwarz auf weiß zum Ausdruck. Mit seinem Einverständnis wurden vorab einige Richtlinien vereinbart: Keines der Fotos durfte beschnitten werden, die Bilder sollten in möglichst genauer chronologischer Reihenfolge präsentiert werden, um den historischen Prozess bestmöglich nachzuzeichnen. Präzise Bildlegenden sollten die Fotografien ergänzen, wobei die Fakten durch genaue Recherche und anhand der Archive des Heilongjiang Tagblatts, bei dem Li achtzehn Jahre lang gearbeitet hatte, überprüft werden sollten.
Über einen Zeitraum von mehreren Jahren schickte Li etwa dreißigtausend kleine braune Papierkuverts, die mit Gummibändern zusammengehalten und nach wechselnden Kriterien wie Chronologie, Ort, Filmtyp etc. geordnet waren, an die Büros von Contact Press Images in New York. Jedes Kuvert enthielt ein einzelnes Negativ in einem Pergamin-Schutzblatt. Manche waren nicht angetastet worden, seit Li sie 35 Jahre zuvor aus den Original-Negativstreifen ausgeschnitten und versteckt hatte. Auf jedes Kuvert hatte Li in zierlicher chinesischer Kalligraphie detaillierte Bildlegenden geschrieben; Kommunen und Bezirke, Namen, Titel und besondere Ereignisse - alles wurde sorgfältig notiert. Wie auch Lis schriftliche Aufzeichnungen zeigen, sind seine Erinnerungen an diese Zeit sehr deutlich und in vielen Einzelheiten lebendig.
Drei Jahre lang, von 2000 bis 2003, traf sich eine kleine Gruppe - Li, der Übersetzer Rong Jiang, der Schriftsteller Jacques Menasche und ich (später kam noch Iis Tochter Xiaobing hinzu) -fast jeden Sonntag, um die Geschichte einer größtenteils unbekannten Ära Stück für Stück gemeinsam zu rekonstruieren. Bei diesen anstrengenden und mitunter auch sehr angeregten Zusammenkünften brüteten wir über Archiven und wissenschaftlichen Dokumenten, führten Interviews, sahen die Fotos durch oder hörten Li zu, wenn er Revolutionslieder aus jener Zeit sang.
Während der Kulturrevolution wurde ganz China zu einer Theatervorführung, an dem auch das Publikum zunehmend partizipierte - vom ärmsten Bauern, der eine „Kampfversammlung"