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ERSTES KAPITEL
Luisa Sanfelice sollte auf den Ball gehn. Fünfzehn Jahre früher hätte das Ereignis wohl wundervolle Erwartungen in ihr geweckt; sie hätte Tage, ja "Wochen auf ihr Kleid verwendet, Stunden auf ihr Haar; jedes Hilfsmittel wäre herangezogen worden, um ihre Reize in dem herzerfreuenden Wettstreit bei Kerzenlicht und Musik zur Geltung zu bringen. Audi jetzt konnte sie dem Abend nicht ohne ein prickelndes Vorgefühl entgegensehn, aber es entstammte, wie sie wohl wußte, einer ganz nüchternen Regung: dem Verlangen, nicht nach Glück und Freude, sondern nach einem Almosen, so genau umgrenzt wie ein Laib Brot. Sie sollte auf den Ball gehn, weil sie hofFte, dort etwas zu erhalten. Sie war vierunddreißig, und das Leben hatte sie bisher nicht dazu ermutigt, nach den Sternen zu greifen.
Nur auf das beharrliche Zureden ihrer Mutter hatte sie in das Unternehmen eingewilligt. Sie war nicht mehr gewohnt, mit den Hochmögenden Gespräche zu führen, und wußte kaum, ob sie deren Aufmerksamkeit oder Gleichgültigkeit mehr fürchtete. Sie hatten sie gewiß längst vergessen — jene, die sie einst gekannt hatten. Ihr Kleid und ihr Sdimuck könnten keinen Vergleich mit den Seiden und Juwelen der Hofdamen aushalten, und ihres Tanzens würde sie sich schämen müssen. Sie war überzeugt, daß sie in ihrem Französisch Fehler machen werde, denn sie hatte in den letzten Jahren kaum zwei Worte in dieser Sprache geredet. Französisdi