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Vorwort
Die moderne Welt ist in einem sich stets beschleunigenden Prozeß der Wandlung begriffen. Wissenschaft und Technik, aber auch gesellschaftliche Umwälzungen verändern fortwährend unser Leben in fast allen seinen Bereichen. So greift der Mensch in seine Umwelt ein; unter seinem Einfluß wandelt sich das Antlitz von Landschaft, Natur und Siedlungsraum. Aber auch unsere persönlichen Anschauungen, unsere Sitten und unsere politischen Auffassungen sind einer unaufhaltsamen Entwicklung unterworfen. Wurde bis vor kurzem diese Entwicklung vorbehaltlos begrüßt und als Fortschritt gefeiert, so mehren sich seit einiger Zeit die skeptischen Stimmen. Von verschiedenster Seite und mit gegenläufiger Blickrichtung wird nun radikale Umkehr gefordert. In dieser Situation des Umbruchs erscheint es notwendiger denn je, daß wir uns auf die Konstanten unserer schweizerischen Existenz besinnen. Als Kleinstaat im Herzen Europas können wir die Zukunft nur dann bestehen, wenn wir unsere Identität behalten, wenn wir wissen, was unsere Schweiz ausmacht und was sie uns wert ist. Eine dieser Konstanten und einer dieser Werte ist der Raum, in dem wir leben. Das sind unsere Berge und Täler, unsere Ebenen und Seen, aber auch unsere Städte und Dörfer. Zweifellos hat diese unsere Landschaft den Charakter des Schweizervolks entscheidend mitgeprägt und seine Geschichte, ja sogar seine politischen Grundvorstellungen mitbestimmt. Unsere Berge boten den alten Eidgenossen jenen Schutz und jenen Rückhalt, ohne die sie schwerlich ihre Unabhängigkeit gegen eroberungs-lüsteme fremde Heere hätten so erfolgreich verteidigen können. Der gemeinsame Existenzkampf unserer Vorfahren einer oft gewalttätigen Natur gegenüber hat den Sinn für die Gemeinschaft in unserem Volke gestärkt, der seinen Ausdruck in unserer demokratischen Grundhaltung findet. Die ausgeprägte Kammerung unseres Lebensraumes ließ aber auch eine große Vielfalt an Menschentypen und kultureller Eigenart entstehen, 5 welche auf der politischen Ebene als Föderalismus
in Erscheinung tritt. So sind wir Schweizer geformt von unserer Landschaft; sie gehört zu uns und wir zu ihr. Sie bildet einen Teil unseres Patrimoniums, das es zu hegen und zu pflegen gilt, auf das wir aber auch stolz sein und an dem wir uns von ganzem Herzen freuen dürfen. Ein Bildband wie der vorliegende ist geeignet, uns die Verbundenheit mit unserer Heimat und die Verantwortung ihrem Antlitz gegenüber neu spüren zu lassen. In einer Fülle von Aufnahmen wird die ganze Mannigfaltigkeit unseres kleinen, aber an landschaftlichen Reizen so reichen Landes ausgebreitet. Den Bergketten der Hochalpen mit ihren schroffen Abstürzen und Gletschern schließen sich die sanft gewellte Hügellandschaft von Mittelland und Jura und die fruchtbaren Ebenen der Flußtäler an. Dieser natürlichen Vielfalt entsprechen ebenso verschiedenartige Siedlungsformen: Das ursprüngliche Tessinerdorf hat seinen Platz in dieser Landschaft ebenso wie die am Reißbrett geplante Stadt auf den Jurahöhen, die kleinen, mittelalterlichen Marktflecken ebenso wie die moderne Metropole am Zürichsee.
Ich bin überzeugt, daß wir in einer Zeit umwälzender Veränderungen eine Verankerung im Bleibenden mehr denn je brauchen, welche über das Rationale hinaus unser Gemüt bereichert; wir finden sie in der Freude an der Schönheit unseres Landes. Diese Freude kann uns auch neu bewußt machen, was Gottfried Keller - in einem gewiß ganz unsentimentalen Sinn - meinte, als er sagte: «Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe!»
Ernst Brugger Bundesrat
Bern, Dezember 1974