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JAHRHUNDERTELANG BLIEB DER MITTELALTERLICHE KÜNSTLER hinter seinem Werk verborgen, das er zu Ehren Gottes und der Kirche, nicht aber zum eigenen Ruhme schuf, und nur sehr zögernd vermochte er sich aus der Geborgenheit der Anonymität zu befreien. Die ersten Schritte ins Licht der Öffentlichkeit unternahm der Maler auf den religiösen Bildern, in denen zuvor schon der Auftraggeber in den Stifterbildnissen eine seinem sozialen Rang entsprechende Darstellung gefunden hatte. Diese tastenden Versuche, dem eigenen Ich in Form des »Assistenzselbstbild-nisses«, als stiller Zeuge der heiligen Handlungen, sichtbare Gestalt zu verleihen, muten zwar noch recht bescheiden und zurückhaltend an, in Wahrheit sind sie jedoch höchst bemerkenswerte Zeugnisse für das erwachende Persönlichkeitsbewußtsein. Im Kampf gegen das mittelalterliche Feudalsystem war sich der Bürger seit Beginn der Renaissance mehr und mehr seines individuellen Wertes und seiner Stellung in der Gesellschaft gewahr geworden; er wollte nicht länger nur ein namenloses Mitglied der großen kirchlichen Gemeinschaft sein, sondern nahm das Recht zu eigenem Denken und Handeln für sich in Anspruch. Mit der Erkenntnis von der Bedeutung und den Möglichkeiten des einzelnen gewann auch der bildende Künstler an Gewicht und Wertschätzung. Um seine Autorschaft an dem Kunstwerk, das jetzt als individuelle schöpferische Leistung anerkannt wurde, sichtbar zu bekunden, kennzeichnete daher mancher Meister seine Arbeiten durch »personifizierte Signaturen«, wie man die Assistenzselbstbildnisse treffend genannt hat.
Ein besonders aufschlußreiches Beispiel für die neue Selbsteinschätzung des künstlerischen Berufsstandes - und zugleich für den Prozeß der Verweltlichung christlichen Gedankengutes, der aus dem wachen bürgerlichen Sinn für die Gestaltung der Wirklichkeit erwuchs -, ist ein seit dem 15. Jahrhundert vor allem in den Niederlanden häufig behandeltes altes Bildthema der Heiligenlegende. Es ist dies die Darstellung des Evangelisten Lukas, der die Madonna porträtiert. Indem der Künstler den Schutzpatron der Maler bei der Ausübung der von ihm selbst betriebenen Tätigkeit schildert, dringt er zur Wiedergabe der Umwelt vor, zumal er den Ort der Handlung oftmals in seine eigene Werkstatt verlegt. Vielfach hat er dem Madonnenmaler auch seine eigenen Züge verliehen und dadurch das heilige Geschehen noch mehr in den Bereich menschlicher Nähe und Begreifbarkeit gerückt.
Das eigenständige, aus dem religiösen Bildzusammenhang gänzlich befreite Selbstbildnis entstand im 15. Jahrhundert, als mit der Herausbildung des modellmäßigen Einzelporträts ein weiterer entscheidender Schritt auf dem Wege zur vollen Bildwürdigkeit des Menschen getan worden war. Auch diese kunsthistorisch so bedeutsame Tat vollzog sich auf der Grundlage jener ökonomischen Strukturveränderungen, die in Italien und Flandern bereits seit Beginn des 14. Jahrhunderts die kapitalistische Entwicklung ermöglicht hatten. Neben italienischen und deutschen Malern haben im