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Musikant, Musikant, wo ist deine Heimat?
Jeder Musiker ist ein wenig Zigeuner, ein Wanderer in der Welt des Klanges und der Gefühle! Jeder neue Laut, jedes neue Gefühl ist eine Entdeckung, und wir reisen und lernen immer weiter, solange wir Ohren haben, um zu hören, und eine Phantasie, die uns beflügelt.
Aber unsere Musik bedarf einer Heimat, damit ihr auch Herz und Seele zu eigen sind. Jedes Lied, jede Melodie hat seine eigene Geburt und Geburtsstätte — im strahlenden Glanz eines Sommermorgens, im Lächeln einer schönen Frau, im Schmerz über eine verlorene Liebe oder im Lachen eines Freundes. Und so wie jedes Lied seine Wurzeln hat, so bedarf ihrer auch jeder Künstler. Er mag, wie ich, in der Welt herumirren, vom Rußland der Romanow zum Rio des Atomzeitalters, aber sein Herz muß eine Heimat haben.
Ich habe in vielen Städten gelebt und geliebt und komponiert - im stillen schönen alten Graz, meiner Geburtsstadt in der grünen Steiermark, im silbrig-melancholischen Venedig mit seinen vornehmen, zerbröckelnden Palästen an sanft plätschernden Kanälen, auf denen die Gondolieri ihre Lieder singen; im elektrisierenden, von Leben sprühenden Berlin der 20er Jahre mit seiner erfrischenden Energie; im Budapest der Zigeuner, voll magyarischem Glanz und Feuer; in Paris, der Geliebten aller Künstler; in New York und Hollywood; im kraftvollen, loyalen Amsterdam; im heiligen Jerusalem, in dessen alten Mauern drei große Glaubensbekenntnisse und zweitausend Jahre menschlichen Leids, menschlicher Not und menschlichen Triumphs ihre steinernen und spirituellen Spuren hinterlassen haben.
Aber mein Lieblingsort, meine musikalische Heimat, wird immer Wien sein. Unsere Liebe währt nun schon fast neunzig Jahre, seit dem Tag, an dem wir uns kennenlernten.
Ich war damals kaum acht Jahre alt, aber die Stadt war schon eine große Dame, Herrin eines mächtigen Reiches. Dennoch war es Liebe auf den ersten Blick. Und all das verdanke ich meinem lieben Onkel Emanuel.
Ich wünschte, jeder könnte Wien so kennenlernen, wie ich es erfahren habe. Ich war ein kleiner Bub mit blanken, staunenden Augen und hatte das Glück, einen fidelen Reisebegleiter zu haben, der die große alte Kaiserstadt wie seine eigene Tasche kannte. Onkel Emanuel war damals ein Herr in mittleren Jahren, hatte schon ein paar graue Härchen, eine rote Nase und einen rundlichen Bauch,