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DIE GIRALDA
Man hat noch nicht oft genung wiederholt, dass die Giralda nicht afrikanisch, sondern andalusisch ist und nicht im Orient, sondern in Sevilla entstand. Römische und westgotische Steine bilden die Grundmauern dieses Minaretts, das der afrikanische Sieger erbauen liess, um so der Stadt, die sein Herz erobert hatte, seine Huldigung darzubringen. Er war dermassen von der andalusischen Kunst beeindruckt, dass er viele tüchtige Maurer aus Sevilla in seine afrikanische Heimat entsandte, wo bis heute eine grosse Anzahl von bedeutenden und schönen mittelalterlichen Bauwerken muselmanischer Spanier erhalten blieben.
Man erzählt sich, dass ein Maure aus Sevilla, ein sogenannter Gever oder Guever, der Architekt der Giralda sei. An Hand einer Übersetzung der Geschichte von Fez, die im Jahre 1805 bekannt wurde, bestätigen spätere Autoren, dass die Erbauung dieser grossen Moschee und ihres Minaretts im Jahre 1171 (567 nach der mohammedanischen Zeitrechnung) von Abu Ya' qüb Yüsüf angeordnet und von Ahman Ibn Baso in Angriff genommen wurde.
Der maurische Geschichtsschreiber Abdel Kaiin berichtet: «Als Almanzor Jacob, Nachkomme von Jusef Jacub, nach grossen Siegen umjubelt nach Sevilla zurückkehrte, liess er die grosse Moschee und den hohen Turm sowie den schönen Apfel zu Ende führen, der so gross wie kein anderer war und dessen Durchmesser soviel ausmachte, dass man, um ihn durch die Puerta del Almuden zu transportieren, einen Teil der Schwelle abreissen musste. Während man hiermit in Spanien beschäftigt war, baute man unter seiner Aufsicht die Festungen von Marrakesch und Rabat weiter».
Der Sieger der Schlacht von Alarcos vertraute dem Dichter Abube-bequer Benzoar die Beaufsichtigung der Bauarbeiten an, die zu einem wahren Gedicht aus Stein wurden. Die Ziegelsteinarbeiten führte Ali de Gomara aus, die ab einer Höhe von 87 Fuss einer prächtigen Steinstickerei (axaracas) glichen und auf der Aussenseite Bogenfenster mit Zwischenpfosten sowie auf der Innenseite fünfunddreissig Rampen erhielten, auf denen Fernando III. fünfzig Jahre später auf seinem Pferd hinaufritt. Der Turm war 250 Fuss hoch und «wurde von vier auf-einanderliegenden vergoldeten Bronzekugeln abgeschlossen, deren Glanz man noch in einer Entfernung von vierzig Kilometern wahrnahm», wie Alfonso X. einst sagte.
Bei einem Erdbeben wurden die Kugeln niedergerissen; bis zum Jahre 1568 blieb der Turm ohne Spitze, dann errichtete Hernán Ruiz weitere 100 Fuss, und zwar die vier Körper im Renaissancestil sowie die allegorische Statue des Triumphs des Glaubens, welche sich im Winde dreht und vom Volk aus diesem Grund giraldillo oder Giralda genannt wird; ein schöner Name für diesen «afrikanischen Turm, den eine wunderbare Traurigkeit umgibt» und der einst und auch heute noch als der stattlichste Glockenturm der christlichen Welt angesehen wird.