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ZUR EINFÜHRUNGAls der 2ojahrige spanisdie Student José Ortega y Gasset im Jahre 1906 nach Marburg kam, um sich dort 2 Jahre lang unter der Leitung von Hermann Cohen dem gründlichsten Studium der deutschen Philosophie zu widmen, konnte selbst er noch nicht voraussehen, welch köstliche Früchte die hier vollzogene Vermählung deutschen und spanischen Geistes, deutscher Gründlichkeit und Tiefe mit lateinischer Klarheit und Formbegabung einmal hervorbringen würde.Inzwischen hat Ortega y Gasset Weltruhm erlangt, und seine Bücher und Schriften werden in allen Kulturländern, vor allem aber in Deutschland, mit Begierde aufgenommen und mit dem doppelten Genuß, den geistvolle Gedanken in anmutiger FormUNTERWEGSWelche Lust, dahinzurollen auf den Landstraßen Kastiliens. Da die Erde so nadct ist, sieht man die Wege sich unverhüllt den Wellen des Bodens anschmiegen. Kopfüber stürzen sie sidi beherzt in die Schlucht, um federnden Sprungs die gegenüberliegende Höhe zu gewinnen, und man ahnt, daß sie im Fortwandern fröhlich singen, die unverwüstlich Jungen. Auf dem Rot und Gelb der weiten Landschaft sehen sie manchmal wie der große Namenszug des Malers aus.Im unaufhörlichen Wechsel der Felder zu beiden Seiten sind sie die tugendhafte Beständigkeit. Immer sich selbst gleich schlingen sie sich, getreu den Weisungen der Wegebaudirektion, um die Kilometersteine und verbinden so die Landschaften; sie verknüpfen die einzelnen Stücke jeder Provinz und dann die Provinzen untereinander und wirken den großen Teppich Spaniens. Wenn sie eines Nachts verschwänden, wenn ein Kobold sie entwendete, geriete Spanien in Verwirrung; es würde zur gestaltlosen Masse, und jede Scholle, in sich selbst verschlossen, kehrte ungesellig und barbarisch allen anderen den Rücken. Das Wegene^ ist der Blutkreislauf der Nation, der sie zusammenhält und den Strom eines Geistes in ihrem ganzen Körper zirkulieren läßt. Das haben die Nationalökonomen in ihren Traktaten hundertmal gesagt, und man ist baß erstaunt, wenn man plö^lich findet, daß sie recht haben. Aber auch ein Weg hat seine Leiden, moralische und körperliche. Zum Beispiel wenn unvermutet zwei oder drei andere Wege vor ihm liegen - der Kreuzweg, das Trivium oder Quadrivium. Was dann? Welchen Weg soll der Weg nehmen? Unschlüssigkeit ist eine Qual. Maimonides schrieb ein berühmtes Buch, ein Kompendium aller wesentlichen Weisheit, dem er den Titel gab: Wegleitung der Unschlüssigen. Kein Zweifel, zum Schlimmsten im Leben gehört das Schwanken, wenn man sich zwischen mehreren gleichwertigen Möglichkeiten entscheiden soll. Je heftiger die Vernunft in solchem Falle arbeitet, um so tiefer verstrickt sie sich in Ratlosig-11