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SELBSTERKENNTNIS: ZIEL ODER MITTEL? Erkenne dich selbst, steht als Inschrift auf Apollos Tempel in Delphi. Die Mahnung ist alt, aber wie man sie befolgt, wurde nicht gesagt. Heute, seit Freuds Selbstanalyse, wissen wir, dal? keiner sie ohne Mithilfe eines anderen befolgen kann. Denn máchtige Krafte, die in jedem einzelnen walten, wirken der Selbsterkenntnis entgegen. Das habe ich getan, sagt mein Gedáchtnis. Das kann ich nicht getan habén, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich- gibt das Gedáchtnis nach, sagt Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse. Selbsterkenntnis ernstgenommen habén die Dichter und die Philosophen von jeher, vor allém die grófién Dramatiker. Psychoanalytikern wie Freud selbst (Schafer 1970) und Literaturwissenschaftlern (Hyman 1958) ist auch nicht entgangen, wie nahe das Bild vom Menschen in der Tragödie dem der Psychoanalyse steht. In Aristoteles' Theorie der Tragödie stehen die Peripetie, die Schicksalswende und die Erkennungsszene in enger Verknüpfung. Mit dem Ausdruck Peripetie bezeichnet er den Gipfelpunkt der Tatén des Helden und der dramatischen Handlung. Die Peripetie ist zugleich das Moment, in welchem der Zusammenhang und Widerspruch zwischen Zentralfigur und tragischem Schicksal sinnfallig zum Ausdruck gelangen (Lukács 1944). Die Áhnlichkeit des Menschenbildes in der Tragödie und in der Psychoanalyse besteht nicht alléin in der Konzeption des Konfliktes als der treibenden Macht, sondern auch in der Diskrepanz zwischen dem inneren Bild des tragischen Helden von sich selbst und der Einsicht in seine eigene Unzulánglichkeit und seine der Realitat entsprechende GröíSe. Wenn wir uns noch einen Moment bei der Erkennungsszene, welche die Schicksalswende im Drama Ende des letzten Jahrhunderts zur Folge hat, aufhalten, so tun wir dies in der Absicht, die Selbsterkenntnis, wie wir sie in der Psychoanalyse auffassen, klarer zu profilieren. Vor allém Ibsen hat die dramatische Form ganz auf die Verknüpfung der Peripetie mit der Erkennungsszene aufgebaut. Als Nora im Puppenheim 1 die Feigheit und Kleinlichkeit ihres Mannes in der Erkennungsszene durchschaut, begreift sie, welch ein Lug- und Trugbild sie sich selbst von ihm gemacht hat. Damit wird ihre ganze bisherige Existenz in Frage gestellt. Die Falschheit und Nichtigkeit ihres ganzen bisherigen Lebens enthüllt sich vor ihrem inneren Blick. Wie steht es dabei um Noras Selbsterkenntnis? Was sich in ihrem Inneren mit sehr schmerzlichen Konsequenzen verandert hat, das war die bisherige Idealisierung ihres Mannes Der überidealisierte Mann wird seines fürstlichen Gewandes, das Nora selber ihm zugeschneidert hat, entkleidet. Der náchste Schritt wáre nun, einzusehen, warum sie es nötig hatte, ihren