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Spanien ist ein gewaltiges, an Spannungen überreiches, schwer» verständliches Land. Will man sich eine auch nur umrißhafte Kenntnis seiner unausschöpflichen Eigenart erwerben, so muß man sich zuvor von allen europäischen Spanienlegenden freimachen. Alles ist anders, als diese Legenden behaupten: Spanien ist nicht einfach das südlich=sonnige Land aus Geibels sentimentalem Lied „Fem im Süd das schöne Spanien"; die Carmen in Bizets Oper steht in vollendetem Gegensatz zur typischen spanischen Frau; die Inquisition — sorgfältige Forschungen von Davies z. B. beweisen es — ist vielschichtiger, vorsichtiger, sogar gerechter, als man durch= weg annimmt; Schiller hat Philipp IL und Don Carlos bis in den Kern hinein verzeichnet: sie sind, in einem trotzdem hinreißenden Stück, Erfindungen seiner aufklärerischen Phantasie.
Gerade die Betrachtung der Kunst vermag den Dunstkreis der Legende zu durchbrechen, der Spanien verhüllt. Und dann sollte man unterwegs immer wieder im „Don Quijote" des Cervantes und in den Briefen der Teresa von Avila lesen und sollte sich ge= lassen in den Anblick der Landschaft versenken, welche die mannig= faltigste ganz Europas ist: auf diese Weise wird man eine Ver= bindung mit dem wahren Spanien gewinnen. , .
Ein guter Weg zu Volk, Geschichte und Kunst Spaniens ist seine Natur, etwa mit den Pilgerstraßen nach Santiago de Compostela oder den ausgeprägten Etappen der Reconquista, der Rückeroberung des Jahrhunderte lang islamitischen Landes, mit den äußerst ver= schiedenen wirtschaftlichen Möglichkeiten, Berufen und Charak= teren der einzelnen Regionen, mit einer der jeweiligen geogra= phischen Eigenart verblüffend angepaßten Kunst. Wie sehr sind etwa die Pyrenäen Gebirge, Geschichte, Schicksal Spaniens in eins — kein wichtiges Ereignis, in dem nicht dieser Grenzwall eine Rolle spielte (darum sollte der von Norden kommende Reisende die Pyrenäen nicht an den Küsten umfahren, sondern sie auf einer Paßstraße überqueren)!
Die Natur vergegenwärtigt, was die Kunst bestätigt und ent= faltet: es gibt das südlich üppige Spanien — unglaublich frucht= bar und sonnig, vom Gesang der Buchten umklungen, mit Palmen bestanden, die sich in der Oase von Elche zum einzigen Palmenwald Europas verdichten; es gibt aber auch ein ausgesprochen „nor= disches" Spanien: das kantabrische Gebirge ist fast das ganze Jahr schneebedeckt und wild zerklüftet; im wasserreichen Galicien brei= ten sich inmitten von Wäldern Wiesentäler und fruchtbare Weiden aus; es gibt schließlich ein hartes, strenges, manchmal sogar wüsten= haftes Spanien (dessen Sprache auch rauh und streng, nicht weich und melodisch klingt): waldarm und schwer zugänglich die Py= renäen, halbafrikanisch Aragonien mit seinen Heide= und Salz» wüsten, seinen jähen Überschwemmungen und tödlichen Trocken» heiten; Estremadura (Heimat des Zurbarän und Herera), mit stei»
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