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Wie im „Kleinen" Großes sich ereignet
Fünfkirchen/Pécs - eine würdige und auch liebenswerte Kulturhauptstadt Europas
Von Ingmar Brantsch
2010 hat drei oder fünfundfünfzig Kulturhauptstädte. Je nachdem, wie man es sehen will. Denn das erste Mal seit Beginn der Kulturhauptstadttradition im zusammenwachsenden Europa ist mit Essen in Deutschland nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Region, das Ruhrgebiet, zur Kulturhauptstadt Europas gewählt worden. Das sind stolze dreiundfiinf-zig Städte. Diesen 53 Städten steht das türkische Istanbul als zweite europäische Kulturhauptstadt zur Seite und vereint dabei gleich zwei Kontinente. Die frühere Hauptstadt und heute größte Stadt der Türkei repräsentiert ein Land, dessen Gebiet mehr als doppelt so groß wie Deutschland ist und das von seiner europäischen Grenze, von Griechenland und Bulgarien, bis zum Kaukasus mit Georgien und Armenien als den ältesten christlichen Staaten im Nordosten und tief hinein nach Kleinasien, zu den Grenzen des Iran im Osten und zu denen des Iraks und Syriens im Süden reicht. Mit Istanbul ist dieses Mal sogar eine eurasische Stadt gekürt worden, da zum Stadtgebiet auch die der asiatischen Küste vorgelagerten Prinzeninseln im Marmarameer zählen. Mit seinen reichlich 12 Millionen Einwohnern ist Istanbul, das alte Konstantinopel bzw. Byzanz, die größte Stadt der Türkei, mit mehreren Universitäten, Technischen Universitäten und zahlreichen Hochschulen, mit Forschungs- und Kulturinstituten, darunter auch dem Goetheinstitut der Bundesrepublik und einer hochangesehenen, sehr erfolgreichen Abteilung des Deutschen Archäologischen Museums. Neben diesen beiden gigantischen Kulturbrocken steht das kleine, aber feine Fünfkirchen als Hauptstadt der Baranya, der Branau oder auch der Schwäbischen Türkei, mit seinen 160 000 Einwohnern als ein typisches europäisches Beispiel, wie auch im,»Kleinen" Großes sich ereignen und widerspiegeln kann.
Gleichsam symbolisch liegt Fünfkirchen ungefähr in der Mitte des Weges zwischen Essen und Istanbul. Bereits in der Römerzeit als Sopianae gegründet, war Fünfkirchen ein bedeutender Straßenknotenpunkt. Unter Diokletian wurde es Hauptstadt der römischen Provinz Pannónia Valeria. Schon Ende des 4. Jahrhunderts war jedoch die römische Herrschaft über die Provinz nur noch formal, und 433 wurde sie den Hunnen abgetreten. Über das Schicksal der Bewohner in diesen und den folgenden Jahrhunderten ist wenig bekannt. Seit Mitte des 4. Jahrhunderts hatte sich das Christentum in der Stadt durchgesetzt Die seit dem 18. Jahrhundert wieder entdeckten und heute zu besichtigenden Friedhofskapellen zeugen von seiner Bedeutung. Mindestens bis ins 5. Jahrhundert wurden sie noch benutzt. Auch die lateinische Bezeichnung Quinque Ecclesiae (Fünfkirchen) wird vielfach schon auf diese Zeit zurückgeführt. Seit der Völkerwanderungszeit gehörte das Stadtgebiet zu einander ablösenden Herrschaftsgebieten der Langobarden, Awaren, Slawen und Franken. Als die Magyaren nach Pannonién vordrangen und unter König Stephan dem Heiligen ihr Königreich gründeten, wurde Fünfkirchen Sitz eines neu begründeten Bistums. 2009 feierte es sein 1000-jähriges Bestehen.
Im Mittelalter war Fünfkirchen Zeuge einer bewegten Geschichte. Im Schutze der Bischofsburg einwickelte sich das Stadtwesen. Seit dem 14. Jahrhundert wurde es zunehmend bedeutender. Kurzzeitig - ab 1367 - war es sogar Sitz einer Universität. Doch dann kam es freilich zu der verheerenden Niederlage des Königreichs Ungarn in der Schlacht von Mohács 1526. Das Land wurde dreigeteilt: West- und Nordungarn kamen unter die Herrschaft von Königen aus dem Hause Habsburg, in Siebenbürgen entstand ein selbständiges Fürstentum unter türkischer Oberhoheit. Die Mitte des Landes stand unter os-manischer Herrschaft. Hier lag auch Fünfkirchen.