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Vorwort
Wozu kann die Auseinandersetzung mit staatlichen Formen und politischem Denken zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch dienen? Welche Relevanz hat heute das Wissen um platonische und aristotelische Staatsmodelle, den Gottesstaatsbegriff Thomas von Aquins oder um die Idee des Gesellschafisvertrags? Trägt im Zeitalter der Globalisierung noch die Typisierung der drei Formen reiner Herrschaft von Max Weber?
Zeugnisse politischer Reflexion, Entwürfe ideeller Staatengemeinschaften und das Bedürfiiis, die eigene politische Realität mit denen vergangener Zeiten zu messen, gibt es seit Anbeginn zivilisierten menschlichen Zusammenlebens. Die Fragen danach, was die Existenz staatlicher Gewalt rech fertige, welche die beste aller Staatsformen sei, wie das Verhältnis zwischen Einzelbürger und Staat am besten aussehen könne, stellten sich im Rahmen ihrer individuellen und zeitgeschichtlichen Perspektive wohl genauso ein Aristokrat der Römischen Republik, ein französischer Pfahlbürger im 12. Jahrhundert, ein deutscher Arbeiter der industriellen Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert wie ein Bürger einer jungen afrikanischen Republik im Jahr 2004.
„Offenbar ist es die Aufgabe einer und derselben Wissenschaft, zu untersuchen, welches die beste Verfassung ist und welche Eigenschaften sie haben muss, um, wenn kein äußeres Hindernis in den Weg tritt, am meisten nach Wunsch zu sein, und zweitens, welche Verfassung für eine bestimmte Bevölkerung passt. [ ] [Der tüchtige Gesetzgeber und wahre Staatsmann] muss auch bei einer bereits bestehenden Verfassung verstehen, wie sie ursprünglich am besten einzurichten gewesen wäre und wie sie jetzt, nachdem sie in Geltung getreten ist, am längsten erhalten werden kann."' Die Beschäftigung mit Traditionen politischen Denkens und politischer Ordnung bedeutet also nicht nur historisch ambitionierte Wissensschöpfung; sie dient im Wesentlichen der Vergewisserung der eigenen politischen Identität, indem Stücke individuellen und staatlichen Selbstverständnisses in Übereinstimmung und Abgrenzung zu tradierten Ideen erfahrbar werden, und leistet - wie Aristoteles hier im 4. Jahrhundert v. Chr. schon ausführt - wesentliche Orientierung für die Herausforderungen aktueller Politik.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind vielgestaltige Entwicklungen in der Staatenlandschaft zu diagnostizieren (s. den Aufsatz von Roland Sturm in diesem Band): Zu keinem geschichtlichen Datum gab es eine solche Vielzahl an Demokratien und damit weltweitfiir viele Menschen - zumindest oberflächlich besehen -freiheitliche Lebensumstände. Dieser ,Siegeszug der demokratischen Staatsform fihrte sogar -wenn auch nur als theoretisches Intermezzo - zu der Prognose des friedlichen „Endes der Geschichte". Gleichzeitig lässt sich auch - z.B. bei Staaten mit überwiegend
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1 Aristoteles, Politik, Kap. 5, »Stuttgart 1977, S. 306.