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Vorwort
Im Frühjahr 1910 gerät der siebenundzwanzigjährige St. Petersburger Komponist Igor Strawinsky nach Paris und in die Turbulenzen der verdämmernden »Belle Epoque«. Als Gastgeschenk bringt er den Feuervogel mit, das erste seiner russischen Ballette. In den folgenden Jahren wird die Petruschka-Vroáukúon der »Ballets russes« von den Parisern umjubelt, Le sacre du printemps aber geht im Skandal unter. Dennoch: seit dem Sacre gehört Strawinsky neben Claude Debussy und Arnold Schönberg zu den bedeutendsten Komponisten der europäischen Avantgarde.
Als der Erste Weltkrieg ausbricht, weicht Strawinsky mit seiner Frau Catherine und seinen vier Kindern Théodore, Ludmilla, Sou-lima und Maria Milena ins Schweizer Exil aus. Am Ende dieser Schweizer Jahre hat Strawinsky sein russisches Erbe in Meisterwerken zeitgenössischen Musiktheaters - i^enard (1916), Lei noces (1917), L'histoire du soldat (1918)- und in Liedzyklen nach volkstümlichen russischen Texten kompositorisch konzentriert. Er öffnet sich nun in staunenswerten Eroberungszügen jener Auseinandersetzung mit der europäischen Musiktradition, deren Umrisse ihm freilich durch die Zusammenarbeit mit seinem Lehrer Rimskij-Korsakow und das väterliche Musiker-Milieu längst vertraut sind.
Seit 1920 leben die Strawinskys in Frankreich, und der Komponist ist seit Pulcinella zunehmend fasziniert von der Musik des 18. Jahrhunderts, vor allem von der Kunst Bachs. Davon reden das Oktett und das Klavierkonzert, aber auch Werke der frühen dreißiger Jahre, die Psalmensinfonie und das Violinkonzert.
Freilich, musikalische Tradition, soweit sie in Strawinskys Kompositionen Eingang findet, wird von ihm nicht als Stilkopie inszeniert. Strawinsky integriert Neuentdeckungen kompositorischer Verfahrensweisen oder bestimmter Form-Modelle wie die Invention, die Ouvertüre oder das Concerto stets in den Zusammenhang kompositorischer Denkweisen, die er früh beherrschen lernte. Nie gibt er seine Motivtechnik auf, die musikalische Figuren Prozessen der Verkürzung oder Erweiterung, der Diminuierung oder Aug-mentierung unterwirft. Und die musikalische Großform läßt er in aller Regel nicht aus thematischen Setzungen herauswachsen, wie