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I. DIE TRADITIONELLE UND MODERNE ERZÄHLKUNST
Seit Goethes und Hegels Tod befindet sich die Menschheit in einem Umbruch. Der Glaube an eine vernünftige Ordnung der Welt, die Bemühungen, alle Spannungen und Probleme im Sinne der Humanität zu lösen, „das Tragische durch die Theodizee zu überwinden", beginnen dahinzuschwinden und zu zerbrechen. Die moralischen, ethischen und ästhetischen Wertsetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts werden nach und nach aufgegeben. Ordnung, Klarheit, Maß, Ruhe, Schönheit, Harmonie und die Selbstvollendung der eigenen Persönlichkeit sind keine Ziele mehr, aufs innigste zu wünschen.
Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verliert die Welt vollends ihre „Mitte". Zwei Weltkriege mit ihren Folgen, Inflationen und weltpolitische Umschichtungen haben alle überkommenen Werte in Frage gestellt und jeden einzelnen in Bedrängnisse und Grenzsituationen gebracht, aus denen er sich nur mit Mühe wieder herausarbeiten kann. Insofern befinden sich die Menschen dieses Jahrhunderts nach einem Wort Franz Kafkas tatsächlich „in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind, und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind1." Dieser Tunnel ist die Dunkelheit unserer Zeit, in der als wesentlichste Epochenerscheinungen der „Zerfall der Wirklichkeit und Werte", die „Zerstörung der Liebe" und der „Riß zwischen Gott und den Menschen" sich vollzogen haben.
Das Verhältnis des einzelnen zu seinen Mitmenschen und zum Weltganzen hat sich verschoben. Das Koordinatensystem früherer Zeiten, in das sich jeder Lebensstandpunkt einordnen und mit dessen Hilfe sich jeder Daseinsbezug fixieren ließ, hat seine Geltung verloren. Der Mensch der Neuzeit kann nicht mehr leben wie ehedem. Er ist eine „Betroffener" geworden, der erst langsam versuchen muß, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, Halt zu gewinnen in einer ständig sich wandelnden Welt.
Auch die Erzählkunst des 20. Jahrhunderts muß dieser neuen Situation Rechnung tragen. Sie will und kann nicht mehr die alten Wege gehen, die die Erzählkunst des 18. und 19. Jahrhunderts ge-
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