Bővebb ismertető
über dieses Buch
Max Frisch zählt zu den diskudertesten Autoren unserer Gegenwart. Er ist zugleich einer der erfolgreichsten. Für die Prosa wie für die Bühne gleich begabt - ein seltenes Ereignis in unserer deutschen Literatur - ist er nicht zuletzt ein glänzender Tagebuch-Schreiber. Frisch hatte als »Neutraler« in den Jahren 1946 bis 1949, aus denen seine Niederschriften stammten, die Möglichkeit, das von den Schrecken des eben zu Ende gegangenen Krieges geschlagene Europa, den geistig, moralisch, menschlich schwer erschütterten Kontinent mit einer Unvoreingenommenheit in Augenschein zu nehmen, die den kämpfenden Parteien begreiflicherweise abging. Was an diesen Bestandsaufnahmen bewegt und oft erschreckt, ist die Scharfsicht, die Witterung für neue Verhältnisse, für neue Reduzierungen der Menschlichkeit angesichts der gerade beendeten Todeskämpfe. Frisch reiste und sah mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit. Es war eine Reise, die nichts mit einer wie immer gearteten »sentimental journey« zu schaffen hatte, vielmehr eine Reise auf der Suche nach der Gerechtigkeit, der Anständigkeit und Ehrlichkeit einer Epoche. Frisch, der junge, stürmisch erfolgreiche Architekt, ist im »Tagebuch« zugleich der junge, »davongekommene« Autor, der in Gesprächen, Szenen, Meditationen Befunde mitteilt, der Sorgen und Hoffnungen äußert, den - vor allem - keine Ressentiments plagen und der darum uns Deutschen mit der bemerkenswertesten Unbefangenheit gegenübertreten kann. Frisch ästhetisiert nichts. Sein eidgenössischer Realismus hat beides nicht nötig, um zum Chronisten jener späten vierziger Jahre zu werden. Karl Krolow
An den Leser
Der verehrte Leser-einmal angenommen, daß es ihn gibt, daß jemand ein Interesse hat, diesen Aufzeichnungen und Skizzen eines jüngeren Zeitgenossen zu folgen, dessen Schreibrecht niemals in seiner Person, nur in seiner Zeitgenossenschaft begründet sein kann, vielleicht auch in seiner besonderen Lage als Verschonter, der außerhalb der nationalen Lager steht-der Leser täte diesem Buch einen großen Gefallen, wenn er, nicht nach Laime und Zufall hin und her blätternd, die zusammensetzende Folge achtete; die einzelnen Steine eines Mosaiks, und als solches ist dieses Buch zumindest gewollt, können sich allein kaum verantworten.
Zürich, Weihnachten 1949
194
Zürich, Café de la Terrasse
Gestern, unterwegs ins Büro, begegne idi einem Andrang von Leuten, die bereits über den Randstein hinaus stehen, alle mit gestredeten Hälsen; mandunal ein Ladien aus der unsiditbaren Mitte-
Iiis ein Gendarm kommt.
Er fragt, was gesdiehen sei, und da wir es nidit wissen, keilt er sidi in den Haufen hinein, nidit barsdi, aber von Amtes wegen entsdiieden. Das gehe nidit, sagt er mehrmals, das gehe nidit! Wahrsdieinlidi wegen des Verkehrs-Und dann:
Ein junger Mensdi steht da, groß, bleidi, eher ärmlidi was die Kleidung betrifft, aber kein Bettler, wie es sdieint, heiter, unbefangen wie ein Kind; ein offener Koffer liegt neben ihm, und dieser Koffer, wie man nun sieht, ist voller Marionetten. Eine hat er herausgenommen und hält sie eben an den Fäden, so, daß das hölzerne Männlein gerade auf dem Pflaster spazieren kann; unbekümmert um den Gendarm, der einen Augenblick ratlos scheint: »Was soll das?«
Der junge Mensch, keineswegs verdutzt, zeigt weiter, wie man die einzelnen Gliedmaßen bewegen kann, und einen Atemzug lang, lächelnd und den Daumen im Gürtel, schaut auch der Gendarm zu, der das liebe Gesicht eines Bienenzüchters hat. »Was soll das?«
Der Mensch, indem er auf die Puppe schaut, lächelnd, da jedermann die Antwort sehen kann: »Jesus Christus.« Der Gendarm:
»Das geht nicht Hier nicht das geht nicht-.«
Marion und die Marionetten
Andorra ist ein kleines Land, sogar ein sehr kleines Land, imd schon darum ist das Volk, das darin lebt, ein sonderbares Volk, ebenso mißtrauisch wie ehrgeizig, mißtrauisch gegen alles, was aus den eignen Tnlern kommt. Ein Andorraner, der Geist hat und daher weiß, wie sehr klein sein Land ist, hat immer die Angst, eine