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Vorwort zur 3. Auflage
Das vorliegende Buch versteht und behandeh sprachliche Veränderungen als »Tendenzen«; ein solcher Forschungsansatz impliziert Grundannahmen wie die folgenden:
- Die Annahme einer Tendenz (z.B. der Akkusativierung) will zunächst nur auf eine Veränderungsrichtung hinweisen und feststellen, daß ein bestimmter Entwicklungsprozeß zwar begonnen hat, aber noch nicht abgeschlossen ist.
- In jedem Zeitabschnitt lassen sich Merkmale der Konstanz und der Veränderung als koexistente Merkmale beobachten; streng genommen kann man nur von relativen Veränderungen sprechen, von Veränderungen an festen Beständen. Die Menge der festen Merkmale ist zu allen Zeiten größer als die Merkmalsmenge des aktuell Veränderlichen.
- Der Sprachbeobachter muß sich davor hüten, Veränderungsmerkmale zu isolieren. Seit F. de Saussure operiert die Sprachwissenschaft mit der Grundannahme, daß sprachHche Gegenstände systemhaft sind, daß jedes Wort in Beziehungszusammenhängen, in Relationen zu anderen Einheiten steht, und zwar in einem doppelten Sinne: paradigmatisch und syntagmatisch, auf den Ebenen des Wortschatzes und des Satzes. Daraus folgt die Notwendigkeit der Systemprobe, einer Betrachtungsweise, die darum bemüht ist, die Veränderungsgegenstände zugehörigen Systemstellen zuzuordnen. Die Tendenz der Akkusativierung kann ohne aktuellen Bezug auf das Kasussystem nur unzureichend behandelt werden.
- Zeitlich finden Veränderungen in der jeweiligen Gegenwartssprache statt, insofern sind sie primär Objekte der synchronen Sprachbetrachtung; die synchrone Betrachtung bedarf allerdings der diachronen Ergänzung, weil Sprachen als System (,langue') jenseits der aktuellen Realisierungen (,parole') auch als historische Zeichensysteme zu verstehen sind.
- Immer wieder hört man sagen (und klagen), die heutige Sprache sei nicht mehr die Sprache Fontanes und Kellers. Daß man solche absoluten Aussagen dazu benutzt, um beispielsweise den öffentlichen Sprachgebrauch zu kritisieren, ist sachlogisch recht fragwürdig. Die moderne Sprachwissenschaft kennt die Ausdifferenzierung von situativ, funktional und regional bedingten Existenzformen der Sprache, die Sprachvarietäten. Folgt man diesem Ansatz, so ist es nicht zulässig, mit literatursprachlichen Beispielen die pressesprachliche Praxis zu kritisieren. Vergleichbar sind demnach nur Spracherscheinungen, die zu ein und derselben Sprachvarietät ge-
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